Leitartikel von

Zwölf Stunden
(k)eine Zumutung

Seit Wochen diskutieren wir über das Thema: Hackeln bis zum Umfallen?

Esther Mitterstieler © Bild: News/Ian Ehm

Erstens ist geplant, dass Unternehmen nur zu bestimmten Zeiten -etwa bei starker Auftragslage -auf den Zwölf-Stunden-Tag zurückgreifen können, zweitens soll das alles mit gewerkschaftlichem Sanktus passieren, drittens ist das bei vielen Betrieben ohnehin schon Usus. Irgendwie putzig. Gewerkschaften sind in den vergangenen Jahren die größten Systembewahrer in Europa geworden - für alle, die Jobs haben, aber nicht für ein immer größer werdendes Heer an Menschen ohne feste Anstellung. Von "falschen" Selbstständigen oder Ein-Personen-Unternehmern, die de facto mangels Auftragslage an der Arbeitslosen schrammen, bis hin zu echten Arbeitslosen.

In Österreich haben wir derzeit 430.000 Menschen ohne Job. Wo wären wir denn da, wenn wir Arbeitsabläufe an irgendeine Nachfrage anpassen? In Zeiten der Digitalisierung ist das ein Muss. Wir werden uns noch wundern, wie uns andere Länder überholen, weil wir auf starren Strukturen beharren, die längst nicht mehr zeitgemäß sind. Überholen will heißen: Jobs werden woanders geschaffen. Weil Rahmenbedingungen dort besser und weniger starr sind. So einfach tickt die Uhr.

Wir aber bleiben dabei: Antiquierte Systeme müssen erhalten bleiben, der alles überragende Sozialstaat sowieso, egal was es kostet, das werden die nachfolgenden Generationen schon zahlen. Und wir jammern trotzdem wie die Weltmeister. Weil früher alles besser war und wir ständig auf Privilegien verzichten müssen. In welchem Land ist es möglich, dass sich Leute alle 18 Monate eine Kur verschreiben lassen? Erraten. Das Land heißt Österreich. Originell ist auch, dass vor allem jene sudern -und zwar am nachhaltigsten -, die es eh super getroffen haben. Was würden Selbstständige ob dieser antiquierten Diskussion um einen ohnehin nicht regelmäßigen Zwölf-Stunden-Tag zwischendurch sagen? Müdes Lächeln, weil es eben normal ist, dass man Aufträge dann erfüllt, wenn sie abzugeben sind. Ungesund ist Arbeit gewiss, wenn man 364 Tage pro Jahr zwölf Stunden pro Tag arbeitet. Hand aufs Herz: Gehören Sie dazu?

Sie regen sich angesichts meiner neoliberalen Denkweise auf? Das hat mit neoliberal nichts zu tun. Nur mit Hausverstand. Denken Sie einmal darüber nach, wie lange der Arbeitstag einer Mutter in unserem schönen Land ist. Zwölf Stunden je nach Auftragslage? Davon können Mütter nur träumen! Nun gibt es viele Mütter, die arbeiten und sich die Zeit für Arbeit und Kinder penibel einteilen müssen. Sie schaffen das, obwohl die Rahmenbedingungen mehr als bescheiden sind. Am meisten jammern auch in diesem Fall jene, die sämtliche Vorteile des Systems nutzen und wissen und spüren, dass es für sie nur Nachteile gibt, wenn sie flexibler werden. Sie werden so lange mauern, bis schlichtweg keine Arbeit mehr da ist - und sich naturgemäß wenig später darüber beschweren, wie schlimm sie es getroffen haben und wie toll früher alles war. Früher. Ja, früher war alles besser. Das glauben Sie doch nicht im Ernst! Solange in einem Land ab Freitag spätestens um 14 Uhr die Gehsteige hochgeklappt werden, weil Wochenende ist, so lange sollten wir aufhören zu jammern. In anderen Ländern ist arbeiten bis Freitagabend nicht Ausnahme, sondern Alltag.

Es geht uns gut. Das ist die gute Nachricht! Noch besser ginge es uns, wenn wir uns dessen auch bewusst wären.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: mitterstieler.esther@news.at