Weit haben wir es (noch) nicht gebracht

Die Corona-Krise zeigt auf, was schiefläuft im Land – bei wichtigen Dingen wie Wertschätzung und bei wunderbaren Nebensächlichkeiten wie Urlaub.

von Leitartikel - Weit haben wir es (noch) nicht gebracht © Bild: News/ Matt Observe

Wir schreiben das Jahr 2020. Wir sind sogar mittendrin im Jahr 2020. Und müssen feststellen: Weit haben wir es nicht gebracht. Also wir Frauen. Männer machen sich darüber tendenziell weniger Gedanken. Und sie wundern sich auch weniger. Also her mit den Klischees, weil wahnsinnig weit sind wir in unserem Umdenkprozess ohnehin noch nicht gekommen. Und so stellen wir also beim Durchblättern einer Tageszeitung fest: Wir Frauen springen immer und generell in Strapsen durch die Gegend (oder wahlweise aus einer Torte, wie eine Karikatur in den "Oberösterreichischen Nachrichten" uns dieser Tage weismachen wollte), wenn wir uns über irgendwas freuen, etwas erreicht oder mal eben mutig eine Forderung (unerhört!) gestellt haben.

Und wenn wir uns schon trauen, ein bisschen laut zu werden – und das passiert viel zu selten, egal ob in Politik, Wirtschaft oder Privatleben –, dann können wir mit einem kleinen Goodie rechnen, um die Besonderheit der Situation noch ein bisschen hervorzustreichen. Im aktuellen Fall hat man Pamela Rendi-Wagner einen Pfauenschwanz verpasst ... Ja, Satire darf bekanntlich viel. Und ja, auch wehtun. Das macht die Sache dennoch nicht besser. Schon gar nicht im Jahr 2020.

»Die Sache mit der Eigenverantwortung müssen wir noch ein bisschen üben«

Dabei ist es in der Corona-Krise geradezu verlockend, Goodies für Frauen zu verteilen, schließlich ist das Virus wie ein Brennglas, etwa wenn es um die ungleiche Verteilung der Lasten und Aufgaben geht. Augen zu und durch geht da gerade nicht. Aber viel mehr als bisher geht eben auch nicht. Also gibt es vor allem Applaus, warme Worte ("ja, wir wissen eh, die Frauen tragen die Hauptlast bei der Kinderbetreuung!") und ein bisschen Geld – etwa aktuell in Form eines außertourlichen Familienbonus. Sobald sich aber die Wolken am Infektionshimmel verdunkeln, wird – Goodies hin oder her – kurzer Prozess gemacht: Schulen zu, Kindergärten zu. Die Schlachthöfe bleiben offen. Systemrelevanz lässt sich manchmal recht schnell erfahren. Bildung? Wurscht. Das Schnitzel am Teller ist wichtiger. Mit Ende dieser Woche ist das Land ohnehin geschlossen in den Sommerferien.

Apropos Sommerferien. Die sind heuer anders als sonst. Schmückendes Accessoire wird der Mundschutz sein – in Kärntner Tourismus-Hotspots freilich nur zwingend zwischen 21 und zwei Uhr. Für Feinheiten haben wir ein recht ausgeprägtes Gespür. Die letzten Tage haben es gezeigt: Die Sache mit der Eigenverantwortung müssen wir noch ein bisschen üben – in Velden am Wörthersee genauso wie am Donaukanal in Wien. Ob ein bisschen Vorsichtsmaßnahme ab 21 Uhr ausreicht? Wohl kaum. Dabei steht der gute Ruf des Landes auf dem Spiel: Urlaub in Österreich sei so sicher wie kaum in einem anderen Land der Welt, hatte die Regierung zu Beginn der Sommersaison prophezeit – und auf viel Show, flächendeckende Tests in der Branche und noch mehr Geld (Kostenpunkt: rund 150 Millionen Euro) gesetzt. Echte Sicherheit made in Austria gibt es freilich nur im Restaurant und an der Hotelbar. Ausgeschlossen von Tests sind Beschäftigte von Campingplätzen, Privatzimmeranbieter, Wanderführer. Man kann sich schließlich nicht um alles kümmern – oder zur Abwechslung mal versuchen, im Vorfeld ein bisschen weniger auf den Tisch zu hauen.

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