Fakten von

Wer nichts tut, macht alles falsch

Angesichts der großen Flucht rächt sich die Mentalität des Wegschauens

Eva Weissenberger © Bild: News

Das Wort ist schwer verdaulich, aber geistreich: „Misserfolgsvermeidungsdenken“. Aus Angst vor Versagen macht man einfach gar nichts. Augen zu, Ohren zu, Mund zu und die Arme verschränken. Dieses typisch österreichische Verhalten kritisierte Gerhard Zeiler, Manager von Weltformat und Kanzlerkandidat auf Eigeninitiative, diese Woche bei den Medientagen. Eigentlich sprach Zeiler über die und zu der Medienbranche, der die digitale Revolution zu schaffen macht. Tatsächlich hielt er eine politische Grundsatzrede, die unsere chronischen Probleme auf den Punkt bringt.

Daran krankt die Bildungspolitik in Österreich; deshalb wurde die Landesverteidigung nicht an das 21. Jahrhundert angepasst; so drückte man sich zu lange vor Veränderungen im Gesundheitssystem – irgendwann werden sich die Dinge schon von alleine regeln, na ja, hoffentlich halt. Reform von Verwaltung, Verfassung, Föderalismus? Lieber nicht hinschauen, sonst müsste man womöglich die Verantwortung dafür übernehmen.

Angesichts der Flüchtlinge, die nach Europa strömen, rächt sich diese Mentalität. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hingegen bewies bereits Führungsstärke, also das, was man Leadership nennt, als sie ihre konservative Partei von Mindestlöhnen, der Gleichstellung homosexueller Partnerschaften und dem Ausstieg aus der Atomkraft überzeugte. Merkel bewies Führungsstärke, als sie Deutschland für Flüchtlinge öffnete – auch, wenn das ihre bayrische Schwesterpartei aufregt. Wer nichts tut, macht jedenfalls alles falsch. Nur wer etwas riskiert, hat die Chance, zu gewinnen.

Das erkannte über den Sommer auch der rote Wiener Bürgermeister Michael Häupl und gab, ebenfalls zum Missfallen einiger seiner Funktionäre, eine strikte Wahlkampflinie vor: Wien hilft. Punkt.

Und die ÖVP? Die rang sich erst vor ein paar Tagen zu so etwas wie einem Kurs durch. Am Donnerstag hielten die Nationalratsabgeordneten Taferln in die Höhe, auf denen sie die Einhaltung der Asylgesetze und einen nicht näher definierten „Kampf gegen Schlepper“ forderten. Zu wenig, zu spät. Bis zu diesem Wochenende wird die Botschaft nur zu den wenigsten Wählern in Oberösterreich durchgedrungen sein. Und Parteichef Reinhold Mitterlehner findet jetzt, dass der ungarische Premierminister Viktor Orbán gar nicht so Unrecht hat. Die Grünen plakatieren in Linz und Wien nun: „Man wählt nur mit dem Herzen gut.“ Kitschig, ja, aber das zieht sicher besser als Kussmünder und Haifische. Denn die Grünen wissen: Man wählt nur mit dem Herzen. Die meisten Wähler entscheiden nach ihrem Bauchgefühl, für wen sie stimmen, nicht nach einem wissenschaftlichen Vergleich der verschiedenen Parteiprogramme.

Womit wir wieder beim Thema Leadership wären: Eine Sehnsucht nach Führung hegen die Österreicher immer, das belegen Studien jahrein, jahraus – vielleicht auch, um selbst möglichst wenig Verantwortung übernehmen zu müssen. So schlimm, wie es aufs Erste klingt, ist das nicht. Es muss ja kein „starker Mann“ wie Ungarns Viktor Orbán sein, der seine Muskeln spielen lässt. Eine standhafte, tatkräftige Frau wie Angela Merkel täte Österreich aber doch ganz gut.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: weissenberger.eva@news.at

Kommentare

Johannes-Maria Lex

Das angesprochene 10-Punkte-Programm für die Weiterentwicklung und Umgestaltung der Elementarpädagogik kann nachgelesen werden unter
http://elementarbildung.blogspot.co.at/2015/09/elementarpadagogik-in-osterreich.html

Johannes-Maria Lex

Die Sozialpartner und die Industriellenvereinigung, die Berufsvertretungen und die überparteiliche Community aus Eltern, Praktikern, Wissenschaftern, Institutionen, PädagogInnen... tun es: sie fordern die Neuordnung der Elementarpädagogik als grundlegendsten Teil der Bildungslandschaft in Österreich - die einer wahren "Bildungsrevolution" bedarf. Doch die Politik? Mund auf und Arme verschränken?!

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