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Warum nicht mal
still und dankbar sein?

Leitartikel - Warum nicht mal
still und dankbar sein? © Bild: News/ Matt Observe

Vor 30 Jahren ist die Mauer gefallen. Man könnte diese Tage rund um das historische Ereignis auch nutzen, um innezuhalten - und um dankbar zu sein

Ich bin verwundert. Und auch ein bisschen gekränkt. Ich könnte die wohldosierten Erinnerungen der anderen belächeln -und ärgere mich am Ende doch darüber. Morgen vor 30 Jahren, am 9. November 1989, ist die Mauer in Berlin gefallen. Einfach so. Überraschend. Überstürzt. Ungeplant. Das wird in diesen Tagen zelebriert, mit Sondersendungen im Radio und Fernsehen und Schwerpunkten in Zeitungen und Magazinen. Plötzlich hat auch hierzulande jeder ein Anekdötchen parat, das er beisteuern kann. So ein bisschen mitnaschen am Weltereignis, das hat schon was. Wie, nicht nur auf der Reiselandkarte war die DDR ein Niemandsland, sondern auch kulinarisch? Es gab im Restaurant nur ein kleines Stückchen Fleisch mit grauslichen Beilagen (im konkreten Fall Erdäpfelstampf und Bohnengatsch, falls es Sie interessiert) und - Achtung, Schenkelklopfer -das Schnitzel war in Tunke ertränkt. Ja, es soll österreichische Gourmetkritiker geben, die angesichts ihrer Restaurantbesuche in der DDR wohl noch heute traumatisiert sind. Andere wiederum hatten Probleme, ihre zuvor getauschten Ostmark sinnvoll (!) auszugeben. Und ihnen war kalt, grauslich kalt, weil eine Heizung konnte man nicht einfach aufdrehen, und die Kohle war möglicherweise gerade aus, oder es war niemand da, der sie mal eben schnell aus dem Keller geholt hat. Stellvertretend für meine Landsleute, die Köche, die Verkäuferinnen, die Regaleinschlichter, die meistens nichts zum Einschlichten hatten, entschuldige ich mich an dieser Stelle nochmals dafür -und erlaube mir, eine bescheidene Frage nachzuschieben: Was sagen diese Erfahrungen über die DDR, vor allem aber über die Anekdotenerzähler aus? Sind es nicht genau diese Ignoranz und ja, auch Arroganz, dieses Erhabensein über die Lebenswelten und das Schicksal anderer Menschen, mit denen wir uns noch heute das Leben schwer machen? Meine Reise in ein besseres, ja in ein rosarotes Leben begann mit Kolonnen von Wasserwerfern und Schießbefehl, einer zusammengefalteten DDR-Flagge und einem kleinen Zettel mit dem Text meiner neuen, bundesdeutschen Hymne. Ich habe in nur einem Jahr ab den Novembertagen 89 so viel erlebt, erfahren und erduldet, was man hierzulande mit einem locker-flockigen und typisch österreichischen "Das geht nicht!" quittieren würde. Ich weiß, was Freiheit bedeutet -mehr als jene, die das Glück in der Lebenslotterie hatten, von Geburt an in Freiheit aufzuwachsen, zu lesen, zu denken, was man möchte, und zu reisen, wohin man möchte.

Für viele, die jenseits der bröckelnden DDR-Grenze in den Novembertagen staunend vor den Fernsehern gesessen sind, hat sich nicht viel verändert. Sie haben ein paar Tage gestaunt und 16 Millionen DDR-Bürgern dabei zugeschaut, wie deren Leben auf den Kopf gestellt wurde. Wenn es zu viel wurde, gab es immer noch den Aus-Knopf auf der Fernbedienung. Das ist kein Vorwurf. Aber vielleicht sollte man diese Tage mit dem Rückblick auf das historische Ereignis auch dazu nutzen, dankbar zu sein. Für Erfahrungen -und sei es nur ein jämmerliches Schnitzel mit traurig-vertrockneten Salatblättern -, die man eben nicht (dauerhaft) machen musste.

Wir wollten die Freiheit und die Demokratie. Wir wollten reisen. Wir wollen aber auch, dass unser Leben gewürdigt und nicht belächelt wird. Und sei es nur für dieses eine Wochenende im November 2019.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: gulnerits.kathrin@news.at

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