Leitartikel von

Von Wölfen und Schafen

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Wie die Politik den politischen Islam erst ignorierte und dann hofierte - und nun glaubt, nur Erdoğan sei das Problem.

Kinder, die instruiert werden, in Tarnuniformen Schlachten nachzustellen, als Leichen zu fungieren, die mitten in Wien großtürkischen Träumen nacheifern und nebenbei den faschistischen Wolfsgruß einüben. Aber, keine Angst, alles nur ein Einzelfall. Ein bedauerliches Missverständnis. Ein Irrtum. Ein Ausrutscher eines Einzelnen. Für wie dumm halten uns die Vertreter diverser türkischer Moscheevereine eigentlich? Es dauerte nur Tage, um sie der Lüge zu überführen. Spätestens als Bilder ähnlicher "gespielter Schlachten" aus Deutschland auftauchten, war klar, dass System dahintersteckt. Und in Wahrheit noch viel mehr. Das bestätigte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan indirekt erst dieser Tage, als er zum Weltgipfel der in Minderheit lebenden Muslime nach Istanbul lud. Organisiert von seiner Religionsbehörde Diyanet, die über zwei Milliarden Euro an Budget verfügt und damit auch Religionsattachés und Imame in die ganze Welt ausschickt. Erdoğan rief deren Vertreter im Ausland zur Geduld auf und riet ihnen, sich besser zu organisieren. Nur so könne es gelingen, die Mehrheit der Nicht-Muslime in den jeweiligen Ländern in Zukunft zu dominieren. Klarer kann man eine Agenda kaum formulieren.

Ende Juni will sich Erdoğan in der Türkei als Präsident mit dann fast unumschränkter Macht wiederwählen lassen. Die Entscheidung der Regierung, Erdoğan Auftrittsverbot in Österreich zu erteilen, erscheint daher richtig und bleibt doch nur Symbolpolitik. Denn besorgniserregender, als ein solcher Auftritt je sein könnte, ist die Zahl der Türken, die ihn - Auftritt hin oder her -hier trotzdem wählen werden. Und damit seine islamistisch-nationalistische Agenda teilen. Bei der letzten Wahl 2015 waren das 70 Prozent der hiesigen teilnehmenden Türken und damit weit mehr als anderswo in Europa und insbesondere daheim in der Türkei. Bei Auslandstürken holt Erdoğan längst jene Stimmen, die ihm in der Heimat abhandenkommen.

Die Arbeit diverser Moscheen und Islamvereine ist also keineswegs umsonst und zeigt Wirkung. Nun aber so zu tun, als sei all das neu und ganz plötzlich ganz gefährlich, zeugt von Realitätsverweigerung gegenüber dem Wirken des politischen Islam. Entweder hatte die Politik all die Jahre wirklich keine Ahnung und kümmerte sich auch nicht darum, was in manchen Hinterhöfen geschieht. Oder sie wusste davon, ignorierte es aber aus falsch verstandener Toleranz lieber. Beide Annahmen stellen ihr ein fatales Zeugnis aus.

Bezeichnend bleibt, dass heimische Politiker nur vor Wahlen gern bei den einzelnen Islamverbänden auftauchten, um Stimmen einzusammeln, deren sonstiges Tun aber nie hinterfragten. Erst ignorieren, dann hofieren und sich nun echauffi eren. Die Politik trägt damit Mitschuld an der Ausbreitung des politischen Islam in Österreich. Auch weil vielen Türken keine Alternativen geboten wurden und eine nicht vorhandene bis verdruckste Integration sie förmlich in die Fänge der Frömmler trieb. Dort, wo kein Heimatgefühl aufkommt, gibt es gern welche, die für ein anderes sorgen. Erst jetzt, wo die Parallelwelten immer offener zu Tage treten, ist das Klagen groß. Es gleicht frommen Schafen, welche die lauernden grauen Wölfe zu lange einfach nicht sehen wollten.

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