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Von wegen
zu fett

Leitartikel - Von wegen
zu fett
© Bild: Matt Observe

Die Debatte um Hass im Netz hat neue Tiefpunkte erreicht. Ein Lichtblick ist ein neuer Umgang damit

Es ist eine Niederlage, im Jahr 2018 über Frauen und Gleichbehandlung und Gleichbezahlung und was alles dazu gehört zu schreiben. Es ist eine echte Niederlage. Überhaupt ist es zum Fremdschämen, dass sich eine Frau einem Mob, ja, ich schreibe extra Mob, ausgesetzt wiederfinden muss, wenn sie ein paar Kilo zu viel auf den Rippen hat. Hallo? Darf eine Schwangere ein paar Kilos mehr haben? Muss sie das nicht sogar für ihr Kind? Und eine Mutter eines drei Monate alten Babys wie Ministerin Elisabeth Köstinger?

Was ist in einer Gesellschaft eigentlich los, wenn sich Frauen von Männern im Netz aufgrund ihres Aussehens, noch dazu im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft, anpöbeln lassen müssen? So geschehen auch bei Puls4-Moderatorin Bianca Schwarzjirg, die übers Netz als nicht mehr "fernsehgeeignet" angesehen wird. Der Grund: ihr Babybauch. Gut schaut er aus, liebe Bianca Schwarzjirg! Sehr gut sogar!

Elisabeth Köstinger hat aus der persönlich unfassbar unangenehmen Situation politisch und gesellschaftlich das Beste gemacht. Unter dem Motto "Euren Hass könnt ihr behalten" reagierte sie auf Postings, die ihr beschieden, sie sei zu "fett". Ihre sympathische Antwort auf Twitter: "Stimmt. Ich habe vor drei Monaten einem großen, gesunden Wunder das Leben geschenkt und ich war noch nie zuvor so stolz auf meinen Körper "

Vorangegangen ist den letztklassigen Übergriffen gegen Schwangere ein nicht nachvollziehbares Urteil des Gerichts im Fall Sigrid Maurer. Die ehemalige grüne Abgeordnete mag zwar mit ihrer Präsenz im Netz nicht immer glücklich agiert haben: Stichwort Stinkefingerfotos gegen ihre Gegner. Dass sie als Opfer wüster Beschimpfungen mit sexuellem Hintergrund auch noch Opfer eines ungeschickten Gerichtsurteiles wegen übler Nachrede wird, zeigt nur die desolate Lage, mit der Frauen sich im Jahr 2018 noch immer herumschlagen müssen, um sich gegen Hass insbesondere im Netz zu wehren. Übrigens hat ihre Initiative mit dem Verein Zara für einen Rechtshilfefonds zur Unterstützung gegen Hass im Netz binnen zwei Tagen 100.000 Euro gesammelt.

Beide Fälle zeigen aber vor allem, wie verkehrt hier Gesellschaft und leider auch Gesetz aufgrund einer Gesetzeslücke ticken. Frau darf und muss immer noch vor allem eines: hübsch aussehen, am besten mit High Heels und dicker Schminke. Dann ist es aber schon schnell vorbei. Mann darf offensichtlich mehr: Im Sommer mit dickem Bierbauch entblößt herumradeln, zum Beispiel. Wer sagt eigentlich, dass das gefällt? Und? Lasst sie doch machen. Wichtig ist nur, dass gleiches Recht für alle gilt. Egal ob Frau oder Mann, jeder soll ausschauen dürfen, wie er mag. Dazu passend: Vor vier Jahren trug ein Nachrichtenmoderator in Australien ein ganzes Jahr lang denselben Anzug -und die Zuseher empörten sich über die Outfits seiner Co-Moderatorinnen.

Übertriebener Feminismus ist dumpf, aber was sich gerade wegen ein paar Kilos zu viel im Netz abspielt, egal ob von Frau oder Mann angezettelt, geht gar nicht. Da müssen sich alle dagegen wehren. Weil es schließlich jede und jeden selber treffen kann. Schön ist, dass sich hier die politischen Gegenseiten ausnahmsweise mal wieder finden. Und es ist gut so.

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