Leitartikel von /

Der Sultan
ist nackt

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Wie Erdoğan hoch zockte und dabei ist, alles zu verlieren. Denn nicht die Währung ist das Problem, sondern er.

Recep Tayyip Erdoğan ist ein weiser Mann. Er sah all das kommen. Die Bilder, die uns nun aus seiner Türkei erreichen, können ihn nicht überraschen: die Menschen, die Schlange stehen. Die Preise, die durch die Decke gehen. Die Ersparnisse, die die Inflation auffrisst. Die Lira, die ins Bodenlose stürzt. Erdoğan wusste, was passieren würde. Und er handelte. Noch im Juni ließ er sich rechtzeitig zum allmächtigen Herrscher wählen, damit das, was dieser Tage geschieht, nicht auch ihn hinwegspült. Warum er das wusste? Weil er es selbst auslöste. Mit megalomanischen Projekten, die ordentlich viel Geld kosteten. Ein Tunnel durch den Bosporus, eine neue Brücke darüber, ja, was heißt, gleich ein zweiter Bosporus noch daneben. Und einen riesigen Flughafen obendrauf. Dazu ein paar Autobahnen zum Drüberstreuen, und angerichtet ist das Menü in den Untergang. Doch es dauerte, bis das Gift darin seine Wirkung entfaltete. Erst einmal boomte die Wirtschaft, das billige Geld trieb das Wachstum in die Höhe und ließ ihn, den Meister, Mal für Mal die Wahl gewinnen. Bis das Lauffeuer zum Fanal wurde, die Korruption ausartete, die Gelddruckpresse zu ächzen begann und die Ersten fragten, woher das ganze Cash eigentlich kam. Denn Diktator sein ist lustig. Alle gehorchen, jeder Befehl gilt. Noch lustiger aber ist es, Diktator zu sein und Rohstoffe zu haben. Die Scheichs mit dem Öl und der Zar mit dem Gas geben gerne Auskunft. Erdoğan fehlt beides. Ihm blieben nur die Geldpresse, sein Schwiegersohn als Finanzminister und ein Plan.

Dass er den ohne den Wirt machte, lässt erstmals an den Qualitäten des türkischen Chefkochs zweifeln. Denn der Wirt heißt nun Trump, und der schätzt auch im Umgang mit ihm nicht artfremden Autokraten eine gewisse Art von Servilität. Einen amerikanischen Pastor über Jahre in türkischen Kerkern schmoren zu lassen, passt da nicht ins Rezept und treibt den Preis in die Höhe. Gerade, wenn beim Rest des Menüs auch alles schiefgeht. Denn Erdoğan pokerte. In Syrien setzte er alles auf eine Karte. Und auf der stand der Sturz von Assad. Der Meister munitionierte dessen Feinde auf, bot den Islamisten sein Land als Aufmarschfeld an und verlor. Doch noch hatte der Mann mit dem großosmanischen Traum nicht genug von waghalsigen Manövern. Biss er sich an Assad wegen Putin die Zähne aus, so sollten ihn zumindest die Kurden in Syrien kennenlernen. Auch wenn die USA ihrem Nato-Verbündeten klar sagten, was sie von seinem Einmarsch in deren Gebieten halten, versuchte Erdoğan sein Glück. Gewonnene Kriege helfen gegen crashende Währungen. Aber auch deren Wirkung verpufft, während der Zorn Trumps bleibt und dieser nun die Rechnung fällig stellt.

Auf ihr steht mit großen Lettern eine einfache Botschaft: Der Sultan ist nackt. Geht hin und betrachtet ihn. Er hat gepokert und gezockt, mit vollem Einsatz gespielt und hoch verloren. Dem Allmächtigen bleibt da erst einmal nur der Verweis auf die nächsthöhere Instanz. Er sagt: "Die USA haben den Dollar - wir haben Allah!" Ihm droht nun nicht das Jüngste Gericht, sondern der Tag der Abrechnung. Die Wirtschaft könnte erledigen, was der Politik nicht gelang. Die Schulden des Meisters sind hoch, seine Kassen leer, und etliche europäische Banken stehen wieder einmal mit in der Kreide. Recep Tayyip Erdoğan ist ein weiser Mann. Er weiß, dass genau darin sein letzter Trumpf liegt.

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