Leitartikel von

Auf der Suche
nach Superman

Leitartikel - Auf der Suche
nach Superman © Bild: Matt Observe

Emmanuel Macron will, Sebastian Kurz auch und Angela Merkel sowieso: Europa den Stempel aufdrücken.

Ganze 541 Tage gingen ins Land, bis Belgien im Dezember 2011 eine neue Regierung angeloben konnte. Vorangegangen waren Wahlen, die eine Koalition so schwierig machten, dass die Beamtenschaft den Staat eineinhalb Jahre lang praktisch allein führte. Die Deutschen haben diesmal auch vier Monate auf eine neue Regierung warten müssen. Zuerst zerbrach die anfangs forcierte Regenbogenkoalition, bevor sie überhaupt zusammenfand, seitdem dauerte es, bis Angela Merkel eine neue große Koalition zwischen CDU/CSU und SPD zimmerte. Für viele nicht eben der Weisheit letzter Schluss.

Wie hell muss dagegen der Stern aus Wien strahlen? Sebastian Kurz hat binnen kürzester Zeit eine neue Regierung aufgestellt und mit seinem Expertenteam für einen wohlwollend aufgenommenen Neuanfang gesorgt, allein mit seinem Koalitionspartner hat der 31-jährige Bundeskanzler Schwierigkeiten. Abgesehen von den antisemitischen Rülpsern scheinen einige in der Freiheitlichen Partei (FPÖ) noch nicht ganz in ihrer neuen Rolle als Mitglieder der Regierung angekommen zu sein. Oder aber sie machen es mit dem Hintergedanken, Teile der Partei mit dem zweideutigen Spiel "ein bisschen sind wir Regierung, ein bisschen Opposition" ruhig zu halten. Knittelfeld und die seinerzeitige Bruchlandung der Partei lassen auch jetzt grüßen.

Bundeskanzler Kurz spielt weiter vor allem medial seine Rolle als Superman der europäischen Regierungschefs. Darin muss er sich erst beweisen. Ein echter Superstar oder ein zweiter Marcel Hirscher, wie ihn Kollegen schon jetzt preisen, ist er noch lange nicht. Dafür ist die Amtszeit zu kurz. Der Kanzler hat das Zeug, es zu werden. Dafür muss er erstens seinen Koalitionspartner in den Griff bekommen, zweitens große Aufgaben wie Pensionen, Gesundheit, Reformen des Staates durchsetzen, drittens die Arbeitslosigkeit weiter senken und nicht zuletzt das Land in eine moderne digitale Zukunft führen.

»Kurz sollte achtsam sein, sich nicht zu viele Attribute eines Cäsaren zuschreiben zu lassen«

Die bedingungslose Adoration freilich, die derzeit manche dem jungen Kanzler entgegenbringen, mag Stil des Boulevards sein, ist aber historisch betrachtet nicht relevant. Die "Bild"-Zeitung und ihr Journalist Paul Ronzheimer, seit wenigen Tagen auch Biograf des Kanzlers, mögen Kurz in den Himmel loben, weil sie Angela Merkel satt haben. Das ist ungerecht, das hat sich die große Kanzlerin nicht verdient; genau so, wie Kurz achtsam sein sollte, sich nicht zu viele Attribute eines Cäsaren zuschreiben zu lassen, die nicht ernst zu nehmen sind. Die "Falter"-Journalistinnen Nina Horaczek und Barbara Tóth haben übrigens auch ein Buch über den Kanzler vorgelegt. Die politische Analyse wurde im Gegensatz zu der Biografie Ronzheimers nicht autorisiert. Am besten liest man beide Bücher, der Vorteil des ersten ist es, sogar Zugang zu der Familie gefunden zu haben. Das zweite ist kritischer, dafür fehlt hier der Blick durchs Schlüsselloch.

Während Kurz am Beginn seiner Kanzlerschaft steht, ist Merkel wohl in ihrer letzten Amtszeit angekommen. Was Merkel Kurz voraushat, ist sicher der Umgang mit wohl meinenden Einflüsterern und Bewunderern. Schon Cäsar wusste: Vertrauen ist gut, Kontrolle und Besonnenheit aber weit besser.

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