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Schmutziges
Handwerk Politik

Leitartikel - Schmutziges
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© Bild: Matt Observe

Christian Kerns Rückzug aus der SPÖ könnte der Partei mehr schaden, als ihr bewusst ist. Der Abgang eines Glücklosen

Zuerst war der geschmeidige Bahnmanager, der mit gutem Marketing Mitarbeiter wie Kunden auf seine Seite zog. Dann war 2015 der Manager mit Herz, der am Westbahnhof Flüchtlinge auch ohne Ticket weiterfahren ließ. Schließlich kam sein blitzschneller Aufstieg in der Politik, in der erfolgsverwöhnten und von Werner Faymann gelangweilten SPÖ.

Kern kam, sah und verlor. Weil er die Partei nicht sofort unter Kontrolle brachte, weil er zwar mitunter gute Ideen für die mittelfristige Zukunft Österreichs hatte, aber die Gunst der politischen Stunde nicht ergriff, als es an der Zeit war. Sein Zaudern, Anfang 2017 Neuwahlen auszurufen und sich das Placet der Wähler zu holen, hat ihn letztlich seinen Job als Bundeskanzler gekostet.

Was Kerns Glück in der Politik empfindlich störte, waren auch seine eigenen Reaktionen. Zu sensibel wirkte der Mann, der kein Politiker sein wollte und auch nicht wurde. Schließlich hatten die Heckenschützen in der Partei leichte Hand. Es wird sich weisen, ob es ein Pyrrhussieg war. Kerns Ende war absehbar, als er vor drei Wochen den Rücktritt als Parteichef bekannt geben musste, weil sein europäischer Plan aus der eigenen Partei geleakt wurde. Was früher ein Alleinmerkmal der ÖVP schien -die eigenen Parteichefs der Reihe nach abzusägen - hat die SPÖ schnell gelernt. Natürlich ist Kern selbst schuld an mancher schiefer Ebene, wie dem Engagement des Lobbyisten Tal Silberstein und dem Dirty Campaigning gegen seinen schärfsten Konkurrenten Sebastian Kurz. Trotzdem darf man Christian Kern danken, der Politik zumindest in seinen ersten Monaten als Kanzler ein wenig frischen Wind gebracht zu haben. Gleichwohl mag es für ihn bitter sein, wenn man Doris Bures zitiert. Vielleicht hatte sie Ende 2014 doch Recht, als sie sagte, dass ein guter Bahnchef kein guter Politiker sein muss. Das Resultat: So schnell wird sich kein Manager mehr finden, der sich den Job Politik antut.

Schade ist es um Kerns letzte Idee, mit Neos und Grünen in den EU-Wahlkampf zu ziehen und dabei mit Emmanuel Macron und Matteo Renzi zu kandidieren. Das wäre sein politisch schlauester Zug gewesen. Doch anscheinend ist seine eigene Partei den Weg nicht mitgegangen. Kein Wunder, dass die rechten Populisten durchmarschieren.

Kern wäre ein Europakandidat zum Herzeigen. Er wäre noch beliebt genug, dass er einen leichten Sieg einfahren könnte. Jetzt wird Plan B gezogen: Andreas Schieder, zuletzt Klubchef im Parlament und Verlierer in der SPÖ-internen Abstimmung zur Wien-Bürgermeisterwahl gegen Michael Ludwig, mag ein guter Parteisoldat sein. Frische Strahlkraft hat er nicht.

Schade nur, dass sich die neue Parteichefin Pamela Rendi-Wagner nicht von Kern überzeugen ließ und offensichtlich auch nicht imstande war, die Partei geeint für den EU-Wahlkampf vorzubereiten. Das könnte auch für sie schon ein erster grober Fehler sein.

Kern mag in vielem Unrecht (gehabt) haben, in einem trifft er zweifellos den Punkt: Wenn die SPÖ nicht zusammensteht, wird sie nicht Nummer eins. So wie die Partei derzeit aussieht, wird sie noch lange auf die Rückkehr zur Nummer eins warten müssen. Das eint sie freilich mit den meisten anderen sozialdemokratischen Parteien in Europa.

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