Leitartikel von /

Scharlatane
irren nicht

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Empörung über den Aufstieg der Populisten ist einfach. Schwieriger wird es, ihnen ihre Themen zu kapern

Wer in Deutschland kein Freund von Angela Merkels "Willkommenspolitik" war, dem blieben wenig Optionen. Sie oder er konnte darauf hoffen, dass die Kanzlerin die Folgen des Kontrollverlusts schon erkennen und ihren Kurs ändern würde. Dann brauchte es aber eine genaue Beobachtungsgabe, um die in Millimetern vollzogenen Schwenks auch mitzubekommen. Ein potenzieller Wähler in Bayern hätte auch auf die CSU vertrauen können und hoffen, dass die deftigere Schwesterpartei Merkel in Berlin schon einfangen würde. Das Misslingen dieses Versuchs ließ sich über Monate hinweg jeden Abend live im TV mitverfolgen. Die dritte und simpelste Option blieb die "Alternative für Deutschland"(AfD). Wer dorthin ging, sitzt jetzt mit jenen im Boot, die vom Abriegeln durch Zäune an der Grenze zu Österreich -und "besser als bei Orbán" - träumen. Das fordert die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel nämlich tatsächlich im News-Interview.

Wem in Italien in den letzten Jahren angesichts einer halben Million Menschen, die über das Mittelmeer kamen, langsam mulmig wurde, der stand vor einer ähnlich unzufriedenstellenden Wahl. Die meisten der Migranten, die da landeten, würden nie eine Chance auf Asyl haben, aber trotzdem in Europa bleiben. Die EU versagte ebenso wie die Regierung in Rom - was blieb, war ein Matteo Salvini, der die Lösung im Radikalen sucht, wörtlich wie tätlich. Ähnlich der AfD, verschieben sich so die Grenzen nach rechts. Nicht, weil alle deren Wähler stramme Nationalisten wären, sondern weil die Mitte darin versagt, ihnen taugliche Lösungen zu präsentieren. Gleiches Phänomen, anderes Land, bei den Briten und dem Brexit. Wer dort nicht gerade in "fancy London" lebte, sondern in Gegenden, wo sich ein einfacher Handwerker von all den Billigarbeitern aus Polen und Bulgarien ausgebremst sah, konnte schon mit dem Gedanken flirten, einfach raus aus dem Verein zu wollen. Gerade, wenn Scharlatane wie Boris Johnson ihm vorgaukelten, dass sich das Land 350 Millionen Pfund in der Woche sparen würde. Dass das eine blanke Lüge war, schwant den Ersten jetzt erst allmählich, wo es zu spät ist. Die Geschichten ließen sich fortsetzen, weitere Namen professioneller Zuspitzer, Vereinfacher und Radikalisierer nennen. Die Erkenntnis bliebe aber dieselbe: Wer für die Migration als drängendste Frage unserer Zeit keine Lösungen findet, öffnet Populisten alle Tore. Selbst die in die Regierung.

Nur zu sagen, das Thema sei ohnedies keines mehr, weil die Zahl der Ankünfte stark gesunken sei, verkennt die Lage. Denn Millionen sind gekommen, deren Integration sich als schwierig erweisen wird, wie wir aus der Vergangenheit wissen. Das, gepaart mit dem Druck einer Hochleistungsgesellschaft, Jobsorgen und Zukunftsängsten, schafft eine Gemengelage, die noch viel mehr Konjunktur für Populisten verheißt. An die Folgen eines etwaigen Wirtschaftseinbruchs wollen wir da erst gar nicht denken. Die Populisten dieser Welt mögen allesamt Schwindler sein -im Erkennen drängender Probleme vieler irren sie aber selten. Diese zu verharmlosen, polarisiert die Gesellschaft nur noch weiter, vertieft Gräben und trennt in "Gute" und "Böse". Weniger Empörung und mehr tatkräftiges Handeln ist die bessere Alternative, um sich den Scharlatanen in den Weg zu stellen.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte:
lehermayr.christoph@news.at

Kommentare