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Putin lässt Europa
im Regen stehen

Leitartikel - Putin lässt Europa
im Regen stehen © Bild: Matt Observe

Bilder sagen mehr als tausend Worte. Nach der Fußball-WM wissen wir wieder, wer die Welt regiert

Fußball kann auch politisch sein. Mitunter sogar sehr. Weltmeister gab es in Russland gleich mehrere: Frankreich ist Weltmeister im Fußball, Kroatien Weltmeister der Herzen, und der Meister der Welt ist Wladimir Putin. Bei der verregneten Siegerehrung ließ er Emmanuel Macron und Kolinda Grabar-Kitarović buchstäblich im Regen stehen. Er selbst blieb unter einem extra für ihn aufgespannten Regenschirm im Trockenen, daneben der französische Präsident und die kroatische Präsidentin mit immer nasser werdenden Haaren. Unmöglich, unerhört, jegliche Feinfühligkeit für gute Gastfreundschaft vermissen lassend, möchte man auf den ersten Blick sagen. Schaut man genauer hin, hat Putin ein klares Signal ausgesandt: Ich bin der Chef! Damit nicht genug. Am nächsten Tag trifft sich der Russe mit seinem amerikanischen Konterpart Donald Trump in Helsinki. Der Amerikaner poltert im Vorfeld, bezeichnet Russland nicht als Freund et cetera, et cetera und macht dann einen Kniefall vor dem russischen Präsidenten. Er glaubt ihm alles und desavouiert seine eigenen Geheimdienste. Sein Auftritt war peinlich und gefährlich zugleich. Sogar seine treuesten republikanischen Mitstreiter sprachen vom bisher größten Fehler seiner Amtszeit.

Da fällt einem "Baby-Trump" ein -ein riesiger Luftballon mit seinem Konterfei wurde von Demonstranten in London in den Himmel befördert. Das Bild ist leider mehr als passend, wenn man sich den Auftritt des Mannes in Helsinki (und leider nicht nur dort) vergegenwärtigt.

Dagegen wirft sich Frankreichs Präsident auf der Tribüne wie ein zweiter Napoleon in Pose, vor lauter Freude über Frankreichs Torschützen. Dass Putins Haus-und-Hof-Fotograf dieses Bild verewigt hat, ist ein kleines, aber nicht unbedeutendes Detail am Rande. Inszenierung über alles, scheint das Motto zu lauten. Darob vergisst man schnell die täglichen Sorgen und Nöte des gemeinen Volkes, es selber mitunter auch - vor lauter Blendung mit großartigen Bildern von Staatschefs in Feldherrenpose. Das kennen wir von Putins Urlaubsbildern ebenso, mit strammem Waschbrettbauch und Siegerpose.

Trump hat den russischen Präsidenten förmlich geadelt, indem er sich ihm so schlicht unterwarf. Wobei Trump einen Tag nach dem gemeinsamen Auftritt mit Putin eine Kehrtwende machte und plötzlich einräumte, die russischen Geheimdienste hätten sich doch in den US-Wahlkampf eingeschaltet. Empörung und Druck der eigenen Parteigänger waren wohl zu groß. Dass Europa sich von diesem Mann Schelte holt, der dann mit Russland hin und her paktiert, spricht leider nicht für unsere Stärke.

In Österreich haben wir derzeit andere Sorgen. Da greift FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky den Kommissionspräsidenten unter der Gürtellinie an. Es mag Gerüchte über den Gesundheitszustand von Jean-Claude Juncker geben, aber dies in einer derart unbotmäßigen Art anzusprechen, ist ein No-Go. Man wünschte sich, dass Kanzler Kurz etwas dazu sagt.

Schließlich ist er Ratspräsident der EU. Gegen schlechtes Benehmen sollte man immer auftreten, egal, welche politische Meinung man vertritt. Dagegen war Ex-Finanzministerin Maria Fekter 2012 mit ihrem Sager, Juncker habe Nierensteine, noch ein Lercherl. Damals waren alle echauffiert. Heute geht viel mehr durch. So ändern sich die Zeiten.

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