Leitartikel von

Gemütlich war gestern

Der Wiener Wahlkampf beginnt mit neuem Ton. Dahinter ist Schluss mit kuschlig.

Julia Ortner © Bild: News

Jetzt hat Michael Häupl einen beachtlichen Anfall von Selbstreflexion gehabt. Auf den Wahlplakaten der Wiener SPÖ erklären uns jetzt tatsächlich Menschen, was an der tollen Stadt doch nicht ganz so toll ist. Zum Beispiel der junge Mann auf dem Fahrrad, nachdenklicher Blick. „Wien ist die beste Stadt der Welt, aber was bringt dir das, wennst keine Hacken hast?“ Selbstreflexion ist nicht unbedingt die größte Stärke der in sich ruhenden Wiener Sozialdemokratie, eines Monuments ihrer selbst. Der sanft selbstkritische Einstieg in den Wahlkampf ist daher umso beachtlicher und auch etwas gewagt – da könnte man auf die Idee kommen zu fragen: Ja, warum habt ihr es in der besten Stadt der Welt nicht noch ein bisschen besser gemacht? Doch wenn die Mietpreise steigen, viele keine Arbeit und Angst vor der Zukunft haben, ist es mit der gewohnten Wiener Kuscheligkeit sowieso vorbei. Der übliche sozialdemokratische „Wir sind super“-Wahlkampf der Vergangenheit würde ohnehin nicht mehr funktionieren. Also versuchen sie sich jetzt mit freundlichem Ton als Menschenversteher, die auch Probleme ansprechen. Zumindest auf dem Plakat.

Dieser unaufgeregte Ton hat aber auch etwas Befremdliches. Wir stehen vor einem harten Wahlkampf, der alles andere als konstruktiv-sachlich ablaufen wird und in dem es wohl weniger um Sachthemen als um Gefühlslagen gehen wird. Der unsägliche Umgang mit Menschen auf der Flucht und der Asylnotstand im Land machen nicht bei der Bundespolitik halt, diese gesellschaftspolitischen Fragen werden jedes Thema überschatten – ganz egal, wie elegant die neue Fußgängerzone in der Mariahilfer Straße gepflastert sein mag. Diesen Donnerstag bietet Häupl dem Innenministerium an, alle unbegleiteten Kinder und 150 Familien aus dem Flüchtlingslager Traiskirchen zu übernehmen. Wien gehört zu jenen Bundesländern, die ihre Asylwerberquote ohnehin übererfüllen – die zusätzliche Aufnahme ist gerade jetzt eine symbolische Geste. Die Wiener SPÖ grenzt sich demonstrativ gegen die rigide Asylpolitik von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ab.

Strache ist schon länger ein Hauptdarsteller in der Inszenierung der Wiener Wahl. Diese ist denkbar einfach angelegt und läuft seit 15 Jahren nach dem Muster: Michael Häupl gegen die FPÖ, früher Jörg Haider, dann Heinz-Christian Strache. Heute bekommt der Klassiker allerdings durch die Krise der Flüchtlingspolitik und den Aufstieg der FPÖ noch eine andere Dynamik.

In den nächsten Wochen können wir nicht nur das Gerangel zwischen Häupl und Strache beobachten – „Duell“ nennen professionelle Beobachter so was gerne. Nein, diesmal versuchen alle irgendwie, ihr Duell mit Strache zu bekommen. Neos-Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger, weil sie sich als „gute“ Kritikerin des Systems etablieren will; die Grünen, weil sich ihre Wählerschaft von Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou erwartet, gerade jetzt gegen die „böse“ FPÖ aufzutreten. Nur Wiens ÖVP-Chef Manfred Juraczka hält sich mit Duellaufforderungen nobel zurück – er schließt als Einziger eine Koalition mit dem Blauen nicht schon im Vorhinein aus: Erst wenn man verhandelt habe, könne man bewerten, ob eine Zusammenarbeit möglich sei, sagt Juraczka. Mal sehen, wie lange uns dieser unaufgeregte Ton im Wahlkampf noch bleibt.

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