"Wir werden ärmer werden"

Selbstlob und Schönreden hier. Ernüchternde Wahrheit und Zweifel dort. In Sachen Krisenkommunikation gehen Österreich und Deutschland getrennte Wege.

von "Wir werden ärmer werden" © Bild: News/ Matt Observe

Für das Austeilen gegenüber dem politischen Mitbewerber, für Eigenlob und für das Schönreden nehmen wir uns hierzulande bekanntlich gerne Zeit. Für das Beobachten und Analysieren durchaus auch. Die Gewichtung variiert dabei. Nicht immer lässt sich das Zeitinvestment an den Ergebnissen ablesen. Gelegentlich gerät auch die Prioritätensetzung in Schieflage. "Eilig" wollte in dieser Woche der Kanzler in einer "Eil-Pressekonferenz" klarstellen, warum rund um einen anonymen Brief, betrunkene Personenschützer und vermeintliche private Botengänge für ihn eine rote Linie überschritten wurde.

Keine "Eil-Pressekonferenz" braucht es hingegen, um die galoppierenden Energie- und Rohstoffpreise inklusive einhergehender hoher Inflation in den Griff zu bekommen. Dafür richtet man lieber eine neue Kommission ein, die das Marktgeschehen unter Beobachtung nehmen soll. Eile oder auch Entschlossenheit wäre auch auf dem außenpolitischen Parkett gefragt. Doch liefern tun nur die anderen Länder - und weisen nach den Berichten über die Gräueltaten im ukrainischen Butscha binnen 48 Stunden rund 150 russische Diplomaten aus Europa aus. Jene in Österreich dürfen bleiben. Weil hier möchte das Außenministerium die Lage noch "sehr genau" beobachten. Ein "verstärktes Monitoring" gehört auch zum vorgestellten Maßnahmenpaket. (Anm.: Nach Druck des Kommentars wurden vier Diplomaten aus Österreich ausgewiesen.)

Bloß nichts überstürzen, die anderen vorangehen lassen, abwarten und gleichzeitig erzählen, dass man sich "kümmert", etwas vollmundig ankündigen, aber nicht ganz so viel liefern - das ist in Österreich eine durchaus gängige Praxis und in guten Zeiten verschmerzbar. In Krisenzeiten reicht das nicht. Die Menschen in diesem Land wollen gehört, wahr- und ernst genommen werden. Man muss mit ihnen reden. Und zwar ohne die gängige Praxis mit Sprechblasen à la "Wir sind die Besten, die Tollsten, die Schnellsten" im Ländervergleichsteich. So wie zuletzt, als der Ausflug der Regierung in die Emirate zwecks Rohstoffbeschaffung als "Meilenstein für Österreich in Richtung Unabhängigkeit von russischem Gas" gefeiert wurde. Dabei ist man lediglich mit einer Unterschrift unter eine Absichtserklärung heimgekommen.

»Für das Beobachten und Analysieren nehmen wir uns Zeit. Zu viel Zeit«

Wie Kommunikation auf Augenhöhe transparent, nahbar und selbstkritisch funktioniert, könnte sich die Regierung beim deutschen Wirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck anschauen. Was passiert, wenn Putin die Lieferungen stoppt? "Das kann ich Ihnen nicht sagen", sagt Habeck. Er macht auch keinen Hehl daraus, dass Deutschland für die Sanktionen gegen Russland einen Preis zahlen muss: "Politik bedeutet, sich der Wirklichkeit zu stellen, sich die Hände schmutzig zu machen. Und nicht rumzujammern, dass die Hände schmutzig sind." Er thematisiert die steigende Inflation und die Abhängigkeit von russischem Gas. Und er bereitet die Deutschen auf ungemütliche Zeiten und Wohlstandsverlust vor. Zur besten Sendezeit: "Wir werden ärmer werden!" Und siehe da: Seine Art zu reden, aber auch sein Hadern und Zweifeln kommen in einer Zeit der großen Unsicherheit gut an. Er hat kapiert, dass es wichtig ist, dass eine Regierung die Menschen mitnimmt. Erst recht, wenn der Weg in eine ungewisse Zukunft geht.

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