Leitartikel von

"Ana is scho owagfoilln"

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Ein Video vom Golan schockiert. Es belegt die Überforderung der Soldaten, aber auch die der Politik und der UNO

Bei vielem, was derzeit als Skandal firmiert, tut man sich mit der Bewertung schwer, ohne sich vorher in die Sache förmlich eingegraben zu haben. So dürften etwa bei der Affäre um den Nachrichtendienst BVT nur noch Feinschmecker der politischen Betrachtung den Überblick über Gut und Böse behalten haben. Ganz anders wirkt dies bei dem Video vom Golan-Einsatz des österreichischen Bundesheeres, welches der Stadtzeitung "Falter" zugespielt wurde. Darin lässt sich in knapp vier Minuten verfolgen, wie Bewaffnete im September 2012 einen Hinterhalt aufbauen und dabei von den heimischen UN-Blauhelmen beobachtet werden. "Des is a Himmelfahrtskommando", schwant einem von ihnen noch. Und trotzdem lassen die Soldaten später neun syrische Geheimpolizisten den Checkpoint passieren und schicken sie damit direkt in den Tod. Das Massaker halten sie auf dem jetzt aufgetauchten Video fest. Zitat: "Ana is scho owagfoilln."

Es ist beklemmend und verstörend, dies zu sehen, und schreit förmlich danach, es sogleich auch zu bewerten. Die Soldaten hätten die Syrer warnen müssen, sagen nicht nur der Hausverstand und das Gewissen, sondern nachträglich auch etliche Experten. Sich aber nun nur an der verrohten Sprache unserer Soldaten abzuarbeiten, ist billig. Auch weil es der Verantwortungskette nicht gerecht wird. Wenn es aus dem Verteidigungsministerium jetzt heißt, erst durch das Video von der Involvierung der Österreicher in den Vorfall erfahren zu haben, ist das hinterfragenswert. Wenn heimische Soldaten bei Auslandseinsätzen in eine Lage geraten, in der sie über Leben oder Tod anderer entscheiden müssen, sollte das den Verantwortlichen nicht erst Jahre später durch ein zufällig aufgetauchtes Video bekannt werden. So lang darf kein Dienstweg sein. Dass eine breite Öffentlichkeit zudem erst jetzt erfährt, dass das heimische UN-Kontingent damals oft unter Beschuss geriet, erstaunt noch mehr. Denn welch dramatische Folgen der zu dieser Zeit an Fahrt gewinnende syrische Bürgerkrieg für die Truppe hatte, wurde nicht kommuniziert -auf Anordnung des damaligen Ministers Norbert Darabos, wie nun aus dem Verteidigungsministerium zu hören ist. Erst so konnte Monate später der fatale Eindruck entstehen, dass das Heer den Golan Hals über Kopf verließ, was dem Image der Republik nachhaltig Schaden zufügte.

In Wahrheit war die dortige UN-Mission mit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs längst vom "Sunshine"-Trip zur Hochrisikomission geworden. Das Mandat, mit dem die Truppe ab 1974 entsandt wurde, entsprach nicht einmal mehr im Ansatz der Wirklichkeit, die die Soldaten dort vorfanden. So erst konnten sie in eine Lage geraten, für die sie weder ausgebildet noch ausgerüstet waren. Versuche, das auch den Verantwortlichen der UN klarzumachen, scheiterten. Der überhastete Abzug der Truppe war die Folge. Von der nun eingesetzten Untersuchungskommission wird daher mehr einzufordern sein, als am Ende nur den sichtlich überforderten Soldaten die Schuld zu geben. Vielmehr ist die Frage zu stellen, inwieweit jene Verantwortung tragen, die etliche Etagen höher angesiedelt sind: beginnend beim Kommandanten der UN-Mission über den damaligen Verteidigungsminister in Wien bis hinauf in die obersten Etagen der Vereinten Nationen in New York.

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