Kinder der
Pandemie

Ein Schulbeginn mit Maske und Coronatest: Die Jungen leisten die Hauptarbeit der Pandemiebekämpfung. Ist das fair?

von Anna Gasteiger © Bild: News/Ricardo Herrgott

Lassen Sie mich kurz persönlich werden. Meine Tochter hatte diese Woche ihren ersten Schultag. Sie freut sich seit Monaten darauf. In der Nacht vor dem großen Tag schlief sie schlecht und gestand, als sie irgendwann kurz aufwachte, was sie sonst nie zugegeben hätte: "Ich bin so aufgeregt." Nicht nur sie. Alle Eltern kennen das mulmige Gefühl, mit dem wir am nächsten Tag gen Schule marschierten. Die Kleinen werden groß. Sie brauchen uns immer weniger. Sie müssen jetzt allein zurechtkommen in einer Welt, die wir ihnen nicht mehr schlüssig erklären können. Erster Schultag 2021: stumm vor Aufregung, die Einhorn-Stoffmaske brav über Mund und Nase gezogen, Schultüte im Arm, dem ersten Coronatest der Schullaufbahn entgegenstapfen. Es bricht einem ein bisschen das Herz. Verfügen Kinder über die magische Fähigkeit, das Beste aus widrigen Umständen zu machen, oder ist diese Fähigkeit nur ein Mythos, der den Erwachsenen das autoritäre Entscheiden leichter macht? Ist ein erster Schultag mit Maske und Coronatest genauso gut wie einer ohne? Und wenn die Antwort "Ja" lautet, wo verläuft dann die Grenze des Zumutbaren? Ist es in Ordnung, ab und zu Maske zu tragen, aber vielleicht nicht, das während des gesamten Unterrichts zu tun oder monatelang auf den Turnunterricht verzichten zu müssen? Hat irgendwer mal die Kinder gefragt, was sie finden?

Nein, denn: In diesem Land interessiert sich niemand dafür, was Kinder und Jugendliche denken und fühlen, vermutlich ein Erbe der autoritären Strukturen, die uns immer noch tief in den Knochen sitzen. Kinder haben keine eigene Meinung zu haben, sondern zu gehorchen. Man redet nicht mit ihnen, sondern über sie, bis sie 18-jährig zumindest offiziell Volljährigkeit erreichen. Es ist ein tief sitzender Mangel an Respekt vor dem anderen und vermeintlich Schwächeren, der sich darin äußert -derselbe Mangel wahrscheinlich, der es auch erlaubt, die Aufnahme von Flüchtlingen kategorisch abzulehnen.

Stichwort Klimakrise. Viele Jugendliche und junge Erwachsene versuchen alles, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Sie tun es weitgehend höflich und im Rahmen der Gesetze, aber das ändert nichts an der Dringlichkeit ihrer Mission. Jeder, der will, kann das spüren. Und sie haben inhaltlich recht, das bestätigen alle seriösen Wissenschaftler auf diesem Planeten. Reaktion etablierter Politiker? Ignoranz. Gehört wird nur, wer viel Geld an eine Partei spenden kann, eine Lobby repräsentiert oder zumindest eine Wählerstimme zu vergeben hat. In dieser Reihenfolge.

Die Kinder der Pandemie dagegen: ungehört. Trotten seit ein paar Tagen wieder bewundernswert diszipliniert mit Masken in die Schule, führen dort -in Wien -dreimal die Woche insgesamt fünf Tests durch (an zwei Tagen jeweils zwei!) und leisten damit die Hauptarbeit der Pandemiebekämpfung. Während man die Ungeimpften, deren Sorgen und Ängsten große Aufmerksamkeit geschenkt wird, ihr Leben fröhlich weiterleben lässt und kaum Druck ausübt, um die Impfquote zu erhöhen (was wiederum den jungen Menschen zugutekäme). Auch wenn Politiker jetzt behaupten, die Schulen um jeden Preis offen halten zu wollen -zu welchen Konditionen? Es ist und bleibt eine große Ungerechtigkeit.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: gasteiger.anna@news.at

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