Leitartikel von

Jubel, Trubel und
noch wenig Heiterkeit

Leitartikel - Jubel, Trubel und
noch wenig Heiterkeit © Bild: News/ Matt Observe

Türkis und Grün haben noch nicht mal Händchen haltend Platz genommen, da wirft sich in Woche drei nach der Wahl schon die FPÖ flirtend dazwischen

Es ist noch nichts erreicht außer dem Erwartbaren. Denn dieser Erfolg war eigentlich von Anfang an klar. Nur so recht aussprechen wollte das niemand. Aber in Wahrheit war es -ein Selbstläufer. Was sonst? Selbstverständlich für jemanden, der immer das Große im Blick hat. Es darf gejubelt werden. Landauf, landab. Dazu vollmundige Worte ("Ein Wunder!"), Dramaturgie pur ("Aus dem Schatten in das Scheinwerferlicht!)" und grenzenlose Zuversicht ("Hier wächst was ganz Großes zusammen!"). Keine Frage: Ein historischer Coup ist diese Woche gelungen, der hierzulande zu mehr, zu viel mehr reicht als einer Randspalte. Noch nie ist es nämlich in der österreichischen Geschichte gelungen, sich zweimal hintereinander zu qualifizieren. Für eine Europameisterschaft. Im Fußball. Jetzt also bitte einmal tief durchatmen, genießen, träumen. Der nächste Tiefschlag kommt bestimmt. So viel Realitätssinn darf erlaubt sein. Nach "Wir sind Nobelpreisträger" gleich noch ein Hauch von "Wir sind (zumindest gefühlt schon) Europameister!" Das muss das Land jetzt aushalten -und kann sich derweilen ein bisschen mit der heimischen Politik die Zeit vertreiben. Schließlich könnte hier auch Großes entstehen, das Land eine Vorreiterrolle einnehmen und sich in Folge des gleißenden Scheinwerferlichts sicher sein - vorausgesetzt Türkis und Grün fürchten sich bei den anstehenden Sondierungsverhandlungen nicht nur voreinander, wie Werner Kogler es dieser Tage formuliert hat, sondern sehen auch Chancen -auch wenn (oder obwohl) jetzt die als "Kurz-Hasserin" geltende Brigitte Hebein mit am Tisch sitzt. Wie im Fußball weiß übrigens auch auf dem politischen Parkett der eine oder andere immer alles vor allen anderen. FPÖ-Chef Norbert Hofer hat zudem etwas, was möglicherweise die österreichische Fußballnationalmannschaft (zwecks Beruhigung der Nerven ob der anstehenden Mammutaufgabe) auch gerne hätte: eine Glaskugel. Er ist sich jedenfalls sicher, dass bei den Sondierungsgesprächen zwischen ÖVP und Grünen "nichts G'scheites" herauskomme - und genau deshalb wirft er sich postwendend aus der "Wir erfinden uns erst mal neu"-Ecke auf den türkisfarbenen Fußvorleger. Der Flügel um Parteichef Hofer und den oberösterreichischen FPÖ-Obmann Manfred Haimbuchner will wieder regieren. Dieses ganze Gerede von "Neuerfindung" in der Opposition (und ja, es gilt nach wie vor, Ibiza-Video und Spesenaffäre aufzuarbeiten) ist längst Geschwätz von gestern.

Mit ihren 16,2 Prozent am Wahlabend musste die FPÖ anderen den Vortritt in Sachen Sondierungsgespräche lassen. Aber jetzt, nach dem Blick in die Glaskugel, kann die Lage neu bewertet werden. Spätestens dann, wenn die ÖVP und die "Weltuntergangssekte" (Hofer im feinsten Kickl-Sprech) Grüne ihr Scheitern verkünden müssen - davor ist lautes Denken erlaubt. Etwa auch in Sachen Innenressort, das natürlich wieder (aus Sicht von Kickl) mit einem Freiheitlichen besetzt werden soll. Was auch ohne Blick in die Glaskugel klar ist: Das neue Jahr wird noch nicht viele Tage zählen, da ist die FPÖ neu aufgestellt, wurden alle braunen Flecken mit dem endlich vollständig vorliegenden Historikerbericht weggewischt, und natürlich haben bis dahin auch alle in der Partei die neu auferlegten Verhaltensregeln und Compliance-Regeln inhaliert. Versprochen. Jetzt also Blick nach vorn. Und Zug zum Tor.

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