Leitartikel von

Jössas, a Weib!

Frau sein ist kein Programm. Kaum Frauen in der Spitzenpolitik aber genauso wenig.

Eva Weissenberger © Bild: Ian Ehm

Beide Kandidaten sind Akademiker, haben an höheren Schulen unterrichtet, verfügen über jahrzehntelange politische Erfahrung und haben in Land und Bund Regierungspraxis gesammelt. Johanna Mikl-Leitner und Wolfgang Sobotka sind für die Position Landeshauptmann/-frau von Niederösterreich gleich gut qualifiziert. Nach dem jüngsten "ZiB 2"-Auftritt Sobotkas muss man aber bemerken, dass Mikl-Leitner ihre Anliegen im TV besser über den Bildschirm bringt. Es ist also nur logisch und richtig, dass Mikl-Leitner dem zurücktretenden Erwin Pröll nachfolgen wird.

Gibt es mehr über das Thema zu schreiben? Die rote Jungpolitikerin Julia Herr vermisste bei der Nominierungs-Pressekonferenz Mikl-Leitners den Hinweis darauf, dass nach einigen Jahren Pause wieder eine Frau dem mächtigsten Klub der Republik, der Landeshauptleutekonferenz, angehören werde. "Politische Regel: Erfolge muss man feiern und verkaufen", findet Herr.

Es waren nur zwei kurze Tweets, trotzdem bemerkenswert: Hier freut sich die oberste Jungsozialistin über die Karriere einer ÖVP-Politikerin. Das war nicht immer so. Die Gewerkschafterin Käthe Leichter, bis heute das Vorbild der SPÖ-Frauen, schrieb 1917 über die bürgerliche Frauenbewegung: "Sie jubelten, wenn irgendwo in der Welt eine Frau Professor oder Ministerialrätin wurde oder sonst irgendeine Leistung vollbrachte. Dass es nicht nur um die Heraushebung einzelner Bevorrechteter, sondern um die Hebung der so schlecht gestellten Frauenarbeit überhaupt ging, übersahen sie." Die erste Frauenministerin, Johanna Dohnal, brachte es so auf den Punkt: "Frau sein alleine ist kein Programm."

Kaum Frauen in der Spitzenpolitik ist auch ein jämmerliches Programm -und ein jämmerliches TV-Programm, wie man es mitunter am "Runden Tisch" des ORF sieht, wenn Eva Glawischnig keine Zeit hat.

Rechte Parteien, die auf Eliten setzen, waren den linken, die gemeinsam stark sein wollen, immer voraus: Die erste Ministerin, Nationalbankpräsidentin, Landeshauptfrau kam aus der ÖVP. Die erste Vizekanzlerin war eine Freiheitliche. Angela Merkel ist Christdemokratin, Theresa May eine Konservative. Keine von ihnen machte sich als Feministin einen Namen. Aber sie sind Vorbilder: Mädchen, du kannst alles erreichen!

Nicht ganz unwichtig in Zeiten, in denen -zumindest international -die Altmachos zurückschlagen: Putin will Strafen für Gewalt in der Familie mildern, Erdoğan will die Vergewaltigung Minderjähriger durch nachträgliche Eheschließung legalisieren; Trump traut man nach "Pussygate" fast alles zu.

Viele Frauen, die es ganz nach oben geschafft haben, lehnen Quoten freilich ab und betonen, dass es bei ihrer Karriere keine Rolle gespielt hätte, dass sie zufällig weiblich seien. Das vermittelt den weniger erfolgreichen: "Selber schuld, strengt euch halt mehr an!"

Als 1986 mit Marga Hubinek die erste (ÖVP-)Frau ins Nationalratspräsidium einzog, begrüßte sie Gewerkschaftsboss Anton Benya so: "Jössas, a Weib!" Die SPÖ hat es bis heute nicht geschafft, bei einer bundesweiten Wahl mit einer Spitzenkandidatin anzutreten.

Juso-Vorsitzende Julia Herr ist 24. Sie wird das, nein, nicht hoffentlich noch erleben, sondern durchsetzen, bevor sie 30 ist. Und die jetzt noch mächtigere Johanna Mikl-Leitner wird frauenpolitisch etwas weiterbringen.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: weissenberger.eva@news.at

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