Leitartikel von

Die Heimat, das sind wir alle

Zumindest etwas hat dieser Wahlkampf gebracht: Man diskutiert anders über „Heimat“

Julia Ortner © Bild: News/Ian Ehm

Früher, da war gleich, sobald ich durch den Arlbergtunnel durchgefahren war, Heimat. Selbst noch, als ich mich innerlich vom Zuhause der Familie schon weit entfernt hatte. Seitdem die Großeltern nicht mehr da sind, seitdem der Vater nicht mehr da ist, habe ich dieses Gefühl von Heimat verloren.

Heimat, ein Definitionsversuch: Bei aller Schwierigkeit mit diesem Begri  , für mich war es einmal dort, wo die Großfamilie, die Kindheit, die vertraute Mentalität waren. Heute ist es für mich überall dort, wo man sich selbst verortet, wo jene Menschen sind, die einem am nächsten stehen, wo man seine Verantwortungen hat. Skifahren, Zeltfeste und Käsknöpfle-Essen haben mit meinem Heimatgefühl eher nichts mehr zu tun - für viele andere bleibt diese Verbundenheit zur eigenen Unangenehm wird der Heimatbegriff nur, wenn er zum reinen Exklusionsprinzip verkommt: Wir sind die Heimat, die anderen, die Zuwanderer, nicht. Mit dieser holzschnittartigen Ideologie können viele jüngere Leute heute nichts mehr anfangen, und auch das ist gut so.

Die Diskussion und Reflexion des Heimatbegriffs war in diesem unendlichen und unguten Bundespräsidentschaftswahlkampf immerhin
ein positives Momentum. „Österreich zuerst“, dieser alte Heimat-Leitspruch der FPÖ, hat Konkurrenz bekommen, das dürfte dem freiheitlichen Kandidaten Norbert Hofer nicht gefallen. Ausgerechnet Alexander Van der Bellen, der grüne Ex-Chef, hat mit seinen Plakaten und Slogans auch traditionelle Heimatbilder angesprochen – genau, schöne Berge, gutgelaunte Wandersleute und herzige Hunde mögen halt auch die ÖVP-Wähler –, doch Van der Bellen hat Heimat positiv besetzt, nicht ausgrenzend, ohne unangenehme Konnotationen. Dass er Rainhard Fendrichs „I am from Austria“ als Klangteppich für das letzte große Wahlkampfvideo verwenden durfte, ist so betrachtet nur konsequent, obwohl das Lied auch vorLänderspielen oder beim Beachvolleyballturnier in Klagenfurt als Patriotismus-Verstärker eingesetzt wird. Dort gibt es dann Menschen in Badekleidung, die ergriffen mitsingen, Rührung in den Augen. Auch das kann Heimat sein, irgendwie.

Heimat ist jedenfalls dort, wo auch nach der Wahl des Staatsoberhaupts beide Lager sein werden: die Van-der-Bellen-Wähler und die Hofer-Wähler, beide wohl etwa gleich viele. Die Wähler des Grünen von der anderen Seite aus als „Willkommensklatscher“ oder naive „Gutmenschen“ zu desavouieren, wird nichts zur demokratischen Kultur beitragen: Viele schätzen den Wirtschaftsprofessor, weil er anders ist als andere Politiker und weil man ihm den Auftritt als souveränes Staatsoberhaupt abnimmt. Die Anhänger des Blauen von der anderen Seite aus vor allem als bildungsferne, rechtslastige Dummköpfe oder „Wutbürger“ abzuurteilen, wird das Land auch nicht weiterbringen: Viele präferieren Hofer, weil er ein jüngerer Präsident wäre und weil sie eine Veränderung wollen.

Heimat ist auch, wo es trotz unterschiedlicher Meinungen noch Austausch gibt. In der Schule kann man sich mit seiner Clique von unliebsamen Kollegen abgrenzen; im Beruf kann man sich einen neuen Arbeitgeber suchen, wenn der Job nicht mehr passt; im Beziehungsleben kann man den Partner verlassen, wenn die Liebe erlischt. Doch der Heimat, wo auch alle anderen sind, der wird man nicht so leicht entkommen.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: ortner.julia@news.at

Kommentare

Ludwig Weisz

Austria is voting on sunday a new president, the third time ... hear Gertruds story ... If you liked it - give gertrude a like
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