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Europa oder falsch
verstandene Egotrips

Leitartikel - Europa oder falsch
verstandene Egotrips
© Bild: Matt Observe

Europa driftet ab in eine Gemeinschaft der "Mir san mir"-Mentalität. Warum die USA und China sich darüber freuen dürfen

Derzeit sind wir noch die Nummer eins in der Welt. Zumindest was den Wirtschaftsraum anbelangt. Das wird sich schnell ändern. Nicht nur weil Donald Trump oder Xi Jinping schon lange nicht mehr auf uns warten. Ob Afrika oder Südamerika: Europa verschläft vor lauter Selbstbezug seine eigene Zukunft. In Europa weht der Wind scharf nach rechts. Und manch wortgewaltiger Innenminister bäumt sich gegen seine eigene Regierungschefin auf. Horst Seehofer gegen Angela Merkel. Auch in Italien macht der zweite Partner auf erste Wahl: Lega-Chef Matteo Salvini geriert sich gegenüber Wahlgewinner Luigi Di Maio mindestens ebenso eigenmächtig wie sein deutscher Konterpart. Häfen schließen, Roma und Sinti zählen. Das kommt gut an im Volk, belegen Umfragen.

Wer lauter schreit, setzt sich durch, egal, ob die Zahlen stimmen oder nicht. Gerade der Fall Italien zeigt, wie viel gelogen wird. Eine Partei, die bis vor wenigen Jahren die Landsleute im Süden als faule Nichtsnutze bezeichnete, hat plötzlich die Flüchtlinge als Gegner entdeckt. Dass viele Flüchtlinge auch antisemitische Weltbilder, vom Frauenbild ganz zu schweigen, mitbringen, darf uns nicht egal sein. Die Antwort darauf kann nur null Toleranz heißen. Was Italiens Innenminister jetzt macht, ist aber eine Verdrehung der Tatsachen. Italien ist nicht nur Opfer, weil es Tausende Flüchtlinge aufgenommen hat, beweisen Zahlen aus der EU-Statistik: Italien hat im Schnitt so viele Menschen aufgenommen, wie es seinem Bevölkerungsanteil im EU-Schnitt entspricht.

Nur der EU -und der Migration -all jene Probleme, die Italien seit Jahrzehnten nicht löst, unterzujubeln, ist unlauter. Salvini könnte ja Verantwortung übernehmen, Reformen angehen und endlich dafür sorgen, dass jene Flüchtlinge, die im Land sind, nicht nur registriert, sondern auch gut verteilt werden. Das Land bricht wegen seiner Unordnung und seiner Individualitätssucht zusammen, nicht wegen der Flüchtlinge. Was war vor 2015? Italien Musterschüler der EU? Mitnichten. Also bitteschön eigene Hausaufgaben machen und nicht immer allen anderen die Schuld geben.

Einziges Thema in Europa ist derzeit die Migration und der damit zusammenhängende Grenzschutz. Dann schafft endlich eine gemeinsame europäische Abwehr! Denken unsere Regierenden weiter? Wohin entwickelt sich die Gesellschaft? Das ist ihre Verantwortung. Nicht Menschen aufzuhetzen oder ihnen nach dem Mund zu reden.

Denken wir die derzeitige Aufregung -siehe Deutschland -mal zu Ende. Jedes Land schließt die Grenzen. Glaubt, dass seine eigenen Leute die besten sind. Denken Sie an Putin, Trump, Erdoğan, Orbán. Aber auch an Macron, Kurz, Salvini, Seehofer. Das hatten wir schon mal. Nicht nur einmal. Leider. Das führt nur zu Auseinandersetzungen in der EU. Von wegen Achse der Willigen, die werden ganz schnell unwillig.

Übrigens: Im Handelskrieg befinden wir uns schon. Primär wäre es also, uns auf Zukunftsthemen zu konzentrieren, Digitalisierung und Diversität für Wirtschaft und Gesellschaft nutzen. Wir beschäftigen uns gerade nur damit, unsere Grenzen zu schützen. Vielleicht könnte man mal Verfahren beschleunigen, damit Abschiebungen und/oder Integration schneller vonstattengehen. PR-Gags, welcher Form auch immer, lösen diese Themen nicht.

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