Leitartikel von

Die dunkle Seite des Sichelmondes

Eva Weissenberger (Editorial) © Bild: NEWS/Ian Ehm

Österreicher, die für den türkischen Präsidenten Erdogan demonstrieren: ein hausgemachtes Problem

Die Geschichte der Türken in Österreich ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Vor 50 Jahren, als Arbeiter hierzulande begehrt waren, lockte Österreich Gastarbeiter an, 1964 unterzeichnete man zu diesem Zweck sogar ein Anwerbeabkommen mit der Türkei. Das Missverständnis lag schon in der Bezeichnung: Abgesehen davon, dass die Türken von Wien bis Vorarlberg nie wie Gäste, sondern wie billige Arbeitskräfte behandelt wurden, dämmerte es der Politik erst in den 1990er-Jahren, dass die Gastarbeiter hier Familien gegründet hatten und sesshaft geworden waren, und dass viele von ihnen auch in der Pension nicht mehr zurück in die alte Heimat gingen.

Seitdem wird viel über Integration diskutiert, und es ist auch viel passiert, aber noch lange nicht genugŽ– und zwar auf beiden Seiten. Die alteingesessenen Österreicher (oft selbst Tschechen, Kroaten oder Ungarn in der zweiten oder dritten Generation) wollten nicht noch eine Gruppe in ihrer Mitte aufnehmen, und so blieben auch die türkischstämmigen Mitbürger lieber unter sich. Man organisierte sich in Vereinen und siedelte sich in billigen Wohngegenden an; eine weitere Ghettobildung verhinderte ein langjähriger Wiener Wohnbaustadtrat namens Werner Faymann.

Sonst versagte die Politik auf ganzer Linie: Die SPÖ wollte sich eine neue Wählergruppe erschließen und arrangierte sich deshalb mit Vereinen, die mit ihrem Welt-, Gesellschafts- und Frauenbild überhaupt nicht zu ihr passten. Dass sie damit andere Gruppen mit türkischen Wurzeln, auch linke, marginalisierte – egal, Hauptsache Stimmen. Die ÖVP wiederum, die zumindest mit den zahlreichen konservativen Selbstständigen unter den Türkischstämmigen etwas gemein hätte haben können, interessierte sich für diese kaum.

Die Türkei verbreitet an ihre hier lebenden Nachkommen die Botschaft: Integriert euch, benehmt euch, aber vergesst nie, egal welche Staatsbürgerschaft ihr habt, ihr seid Türken und die Türkei steht hinter euch. Und wenn ihr Probleme habt, sind wir für euch da.

Repräsentanten Österreichs vermitteln: nichts. Wird ein Politiker wie der damalige Bundeskanzler Faymann im Wahlkampf mit einem SPÖ-Plakat in türkischer Sprache konfrontiert, sagt er nicht: Ich kenne es zwar nicht, aber ich freue mich, wenn mich jemand gut findet. Nein, er wird fuchtig, weil er ja nicht mit Türken in Verbindung gebracht werden darf.

Und so kommt es, dass – gar nicht plötzlich – Hunderte Österreicher in Wien für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan demonstrieren. Ein Reflex liegt nahe: Wem es hier nicht passt, der soll doch nach Hause gehen! Diese Haltung verleugnet, dass es sich bei den allermeisten der Demonstranten um unbescholtene Österreicher handelt, die meisten von ihnen wurden schon hier geboren. Die Türkei ermöglicht ihren ausgewanderten Landsleuten eine doppelte Staatsbürgerschaft, in Österreich widerspricht das dem geltenden Recht.

Daher sollte die Botschaft Österreichs an seine Türken sein: Integriert euch, benehmt euch, gebt die türkische Staatsbürgerschaft zurück und vergesst nie, in welchem Land ihr geboren wurdet. Wir alle sind Österreicher, wir gehören zusammen. Ihr seid ein Teil der Zukunft dieses Landes, und eure Sprachkenntnisse kann unsere Wirtschaft dringend brauchen.

Dann gibt’s auch keine Missverständnisse mehr.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: weissenberger.eva@news.at

Kommentare

Oberon
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Da ist sicher was dran, dass man türkische Gastarbeiter nur als billige Arbeitskräfte gesehen und auch so behandelt hat. Als sie angeworben wurden, war in Ö relative Vollbeschäftigung, daher brauchte man ausländische Arbeiter. Es war auch nicht vorgesehen, dass diese nach Erledigung ihrer Arbeit länger als vorgesehen in Ö bleiben. Die Wirtschaft, politisch gestützt, der wir die ......

Oberon
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Jetzt-Situation zu verdanken haben, wehrte sich damals gegen ein Austauschen ihrer bereits eingearbeiteten Arbeiter.
Es war klar, dass die Gastarbeiter bleiben durften, samt reichlichem Familienzuzug. Eines verstehe ich jedoch nicht, warum es in der Volksgruppe der Türken Menschen gibt, die nach über 40 Jahren - in einer deutschen Sendung zu sehen - nur gebrochen und die Frauen gar kein .........

Oberon
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Deutsch können.

In diesem Artikel werden Türken mit öst. Staatsbürgerschaft als Österreicher bezeichnet. Man sollte die türkische Community einmal fragen, als was _sie_ sich sehen. Die Antwort kann sich jeder denken. Als stolze Türken.

Anm.: Wer in unserem Land PRO-Erdogan demonstriert, sollte das doch besser in seinem Herkunftsland tun. DAS nenne ich dann wahren Mut. Das selbe .......

Oberon
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in Ö gemacht, da gehört echt nicht viel dazu. Und falls sich einer der Einheimischen darüber aufregen sollte, wird von unserer Gutmenschenriege sofort mit erhobenem Zeigefinger an unsere bereits arg strapazierte Toleranz appelliert.
Noch was. Jedes Tun einer Volksgruppe zu akzeptieren, ist auch eine Form von Rassismus, denn es sagt aus, dass diese Menschen nicht ernst zu nehmen sind und ........

Oberon
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... daher einen "Schutzmantel" vor unserer Meinung brauchen.

Oberon
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Bzgl. "wahrer Mut" ein Nachtrag. Wer in der Türkei demonstriert, muss mit der Gegenseite rechnen. Auch, wenn diese "niedergeschlagen" wird - darf man auch wörtlich nehmen - sind die Putschisten doch noch da, und wie viele es sind, weiß keiner.

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