Leitartikel von

Die große Bühne
und die kleine Welt

Renate Kromp © Bild: Ian Ehm/News

Schön langsam gerät der EU-Wahlkampf in Fahrt. Bei manchen Parteien spielen sich dabei echte Dramen ab, beim manchen steht die Inszenierung schon

Nestroy passt fast immer auf österreichische Begebenheiten. Diesmal zum Beispiel auf jene in der ÖVP, in der Türkis und Schwarz um die inhaltliche und moralische Vorherrschaft ringen. Normalerweise passiert das hinter den Kulissen. Doch Sebastian Kurz, ein Türkiser, hat die EU-Wahl zum Schauplatz dieser innerparteilichen Machtfrage gemacht. Am Wahltag, dem 26. Mai, zählen nämlich die Vorzugsstimmen, die jeder und jede auf der ÖVP-Liste einfährt. Und das könnte zur Abstimmung zwischen dem christlich-sozialen Othmar Karas und Kurz' Vertrauter Karoline Edtstadler, die für die türkise Linie und Law and Order steht, werden. "Ich bin der Glanzpunkt der Natur, noch hab' ich keine Schlacht verloren, ich bin die Jungfrau unter Feldherrn. Ich möcht' mich einmal mit mir selbst zusammenhetzen, nur um zu sehen, wer der Stärkere ist, ich oder ich." Nein, das denkt nicht der Kanzler im stillen Kämmerlein, das sagt bei Johann Nestroy der Feldherr Holofernes in einer "Travestie mit Gesang in einem Akt". Für Kurz ein erfreulicher Nebenaspekt dieses "Ich gegen ich": Alle Kandidaten und Parteiflügel werden um jede Vorzustimme rennen. Denn jeder will im Europaparlament Platz nehmen, auch wenn er vielleicht jetzt noch etwas weiter hinten gereiht ist. Dazu kommt: Österreich hat einen EU-Kommissarsposten zu besetzen. Und wer bei den Vorzugsstimmen die Nase vorn hat, kann besser argumentieren, warum denn ausgerechnet er oder sie zu dieser prestigeträchtigen Rolle kommen soll. Kurz wird trotzdem nach eigenem Gutdünken entscheiden. Doch der parteiinterne Wettbewerb könnte dazu beitragen, Stimmen zu maximieren. Dabei scheint Platz eins am Wahlabend für die ÖVP laut Umfragen ohnedies sicher. Nur das Ausmaß des Erfolgs, der dann wohl in eine Bestätigung des Regierungskurses umgedeutet wird, ist noch offen.

Manche Dramen spielen sich bei dieser Wahl auf der Hinterbühne ab. Für die Grünen etwa geht es ums nackte Überleben. Aus dem Nationalrat in Österreich sind sie seit 2017 raus. Scheitern sie in Europa, sind sie Statisten auf der politischen Bühne.

Bei der SPÖ wiederum hat ein früherer Star für die Hauptrolle abgesagt, Einspringer Andreas Schieder muss nun die Geschichte seiner Partei von Tragödie auf Happy End umtexten. Das wird schwer, weil einige rote Nebendarsteller ihre neue Regisseurin Pamela Rendi-Wagner anzweifeln. Und man sich teilweise nicht einmal einig ist, welches Stück überhaupt gespielt werden soll.

Zurück auf der Vorderbühne warten die Kritiker hingegen auf einen dramatischen Showdown zwischen ÖVP und FPÖ. Hier die edlen Proeuropäer, dort die finsteren Haudegen von der Anti-EU- Fraktion. In der türkis-blauen Koalition wird reine Harmonie demonstriert, im EU-Wahlkampf soll es zwischen Othmar Karas und Harald Vilimsky härter zugehen, und die politischen Gegner hoffen, dass das auch Zwietracht in der Koalition sät. Doch möglicherweise kommt Kurz und Heinz-Christian Strache dieses Wahlkampftheater sogar ganz gelegen, weil jeder seinem Stammpublikum beweisen kann, dass er sein inhaltliches Repertoire noch beherrscht und man nicht alle Werte für den Koalitionsfrieden aufgibt. Wieder einmal alles Inszenierung also?

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