Leitartikel von

Taten statt Worte

Bildung ist ein Spiegel der Realverfassung - und ein wunder Punkt für unsere Zukunft

Esther Mitterstieler © Bild: News/Ian Ehm

Wir brauchen eine neue Schule, eine Schule der Zukunft, eine Schule, die unsere Kinder und nicht die Administration in den Mittelpunkt stellt. Eine Schule, die für Lehrer wie Schüler und Eltern ein gewinnbringender Ort von Leistung und Bildung ist. Warum sind wir nicht einmal in der Nähe eines solchen Zustandes? In kaum einem anderen Land sind Schule und Bildung so politisch besetzt wie in Österreich. SPÖ und ÖVP teilten sich Direktorenstellen in großkoalitionärer Manier einfach auf -mitunter ist es bis heute Usus. Das ist ein Problem, aber auch die Diskussionen um Gesamtschule oder Neue Mittelschule. Wer aus dem Ausland kommt, das nicht Ungarn oder Deutschland heißt, kann in Österreich nur Bahnhof verstehen. Denn überall ist eine gemeinsame Schule normal.

Ein so kleines Land mit so vielen Schultypen, noch dazu zerstückelt durch die Bundesländerdiversität. Kein Wunder, dass in der Bildung nichts weitergehen kann. Da mag sich eine Bundesministerin noch so sehr bemühen, sie wird immer wieder von der harten Realität getroffen und von Landeszuständigen ausgebremst. Vom politischen Konterpart sowieso. Kann das Aufsetzen einer gescheiten Bildung so schwer sein? Ja, weil Österreich seit Jahrzehnten eine ideologisch besetzte Diskussion um Schule führt.

»Wer es ins Gymnasium schafft, ist fein heraus, wer nicht, ist draußen«

Kindern wird mit zehn Jahren zugemutet, sich für den nächsten Ausbildungsschritt zu entscheiden. Als ob man in diesem Alter schon weiß, was man später machen will. Das hat zur Folge, dass Familien mit ihren Kindern vor der schwerwiegenden Entscheidung in der vierten Volksschulklasse an Wochenenden meist nur noch am Büffeln sind, damit die Kinder ja bloß den Weg ins Gymnasium schaffen. Das ist ein voller Holler! Viel besser wäre es, Kinder erst mit 14 Jahren entscheiden zu lassen, also vorher eine Art Mittelschule von sechs bis 14 einzuführen. Hierzulande zeichnet sich der künftige Lebensweg eines Bürgers ab seinem zehnten Lebensjahr grosso modo ab. Sprich: Wer es ins Gymnasium schafft, ist fein heraus, wer nicht, ist draußen. Das ist den Kindern gegenüber eine Zumutung, den Eltern auch, die gestresst darauf achten, ihren Nachwuchs in der richtigen Schule unterzubringen, koste es, was es wolle. Warum gelingt das in anderen Staaten, nur in Österreich scheint es ein Kunststück zu sein?

Apropos viel beschworene Karrieremöglichkeiten: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auch eine Gesamtschule genossen, und ihr Leben hat gezeigt, dass sie es geschafft hat, ganz nach oben zu kommen. Das Festhalten an alttradierten Vorstellungen scheint in Österreich aber wichtiger als die Zukunft der Kinder. Diese sollten im Mittelpunkt der Debatten stehen, nicht die Stundenanzahl für Lehrer oder Direktoren, noch weniger falsch verstandene Streikandrohungen, die niemandem nützen.

Vor allem aber brauchen wir dringend eine Änderung unserer Einstellung: Warum rümpfen viele die Nase, wenn junge Menschen eine Lehre machen? Solange ein Handwerker in diesem Land im Ansehen der Mitbürger nicht genauso viel zählt wie ein Doktor, so lange werden wir unsere verkrusteten Strukturen beibehalten und unseren Kindern den Weg in eine bildungsreiche Zukunft verbauen. Übrigens: Dass man sein Kind in eine Privatschule schickt, kann kein Ziel sein -egal ob Privatmensch oder Politiker.

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