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Bereit für den
letzten Schritt?

Leitartikel - Bereit für den
letzten Schritt? © Bild: News/ Matt Observe

Der November läuft, durch die rot-weiß-rote Brille betrachtet, erfreulich gut. Nur auf der politischen Bühne will noch keine Jubelstimmung aufkommen

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Eine perfekte Woche neigt sich dem Ende zu. Seit dem nahezu als albtraumhaft herbeigeschriebenen 1. November (falls Sie es bereits vergessen haben: Gemeint ist die Einführung des Rauchverbots in der Gastronomie) läuft es nämlich in diesen Novembertagen richtig gut für das Land. Wir eilen von einer Jubelmeldung zur nächsten - quasi ein rot-weiß-rotes Herbst-, ja fast schon Wintermärchen. Dominic Thiem schlägt im Tennis alles, was man derzeit schlagen muss, um ausgiebig bejubelt zu werden. Und auch in Sachen Fußball müssen die Jubelschreie nur noch bis Samstag unterdrückt werden. Und dann, ja dann gibt es den nächsten Eintrag in die Geschichtsbücher: Zum zweiten Mal in Folge qualifiziert sich die Nationalmannschaft der Herren für eine Europameisterschaft. Nordmazedonien gilt es zumindest ein bisschen zu schlagen (ein Punkt reicht bekanntlich). Das sollte machbar sein, um den pathetischen Worten im Vorfeld ("Wir sind bereit für den letzten Schritt" - O-Ton Edelkicker Marko Arnautović) kleine oder gerne auch große Taten (wie große Taten gehen, haben die österreichischen Fußballfrauen ebenfalls dieser Tage gezeigt) folgen zu lassen. Auf gewichtige, zukunftsweisende, ja große Taten - Worte sind bekanntlich bereits genug fallen - warten wir auch auf dem innenpolitischen Spielfeld. Nach sechs Wochen des Sondierens stehen Koalitionsgespräche an -also echte Verhandlungen ohne Geplänkel und wohl mit weniger netten Worten. Gleicher Ort, gleiche Hauptakteure, dazu 100 Experten. Das klingt anstrengend. Das wird anstrengend. Für jene, die am Verhandlungstisch sitzen -und für uns, die zuhören und zuschauen müssen. Geduld ist angesagt. Selbst Werner Kogler übt schon fleißig die Merkel-Raute. Auch Popcorn sollte man derzeit reichlich in der Lade haben -etwa, um für das "Diplomaten"-Bingo, das jetzt zwangsläufig gespielt wird, kulinarisch gerüstet zu sein: "langwierige Verhandlungen", "ergebnisoffen", "Scheitern", "aufeinander zugehen", "offener Ausgang","Einfach wird es nicht " Wer hat den Zettel als Erster voll? Parallel dazu läuft ein vor allem bei Journalisten beliebtes Spiel: Jeder werfe Namen für Ministerposten in die Runde. Schwirren genug Namen im Raum, kann sich am Ende garantiert einer auf die Brust schlagen, weil er oder sie (meistens ist es ein Er) es vor allen anderen gewusst hat.

Doch vor den Namen kommt der Kompromiss. Türkis wurde für den Kurs bei Migration, Standort-und Steuerpolitik gewählt. Die Grünen für ihre Politik im Umweltbereich. Persönlich mag die Chemie stimmen. Aber auch politisch? Ist die Zeit wirklich reif? Die Knackpunkte sind zahlreich. In der Migrationsfrage liegt man unüberbrückbar auseinander. Schon einmal scheiterten Verhandlungen zwischen ÖVP und Grünen. 2003 regierte Schüssel danach mit der FPÖ. Jener Partei, die auch heute inhaltlich der ÖVP am nächsten steht; die geschwächt in Verhandlungen gehen würde und bei der der zukünftige Kanzler Kurz nicht müde wird, zu betonen, wie sehr er es bedauert, dass sie sich "ziemlich schnell entschieden hat, keine Sondierungsverhandlungen führen zu wollen". Auch an die "irrsinnig zügig" geführten Gespräche 2017 erinnert sich Kurz nach wie vor gern und oft. Seit Mai wartet Österreich auf eine gewählte Regierung. Es gibt einen Plan. Die Antwort, ob er am Ende den Buchstaben A, B oder C trägt, wird das Christkind jedenfalls noch nicht bringen.

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