Leichtathletik-WM von

Läufer ohne Beine

Der Südafrikaner Oscar Pistorius tritt bei der WM mit Prothesen gegen die Weltelite an

Leichtathletik-WM - Läufer ohne Beine © Bild: Reuters/Cerny

Erstmals läuft bei einer Leichtathletik-Weltmeisterschaft ein Sportler nicht auf eigenen Füßen. Nach einem Urteil des Obersten Sportgerichtshofs (CAS) darf der Südafrikaner Oscar Pistorius in Daegu mit seinen Carbon-Prothesen, die Hinterläufen von Raubkatzen nachempfunden sind, an den Start gehen. Bisher streiten sich vor allem Gutachter über eine mögliche Aufhebung der Chancengleichheit, die Sportwelt hält sich zurück. Falls der - jedoch unwahrscheinliche Fall - eintreten sollte, dass Pistorius über 400 Meter eine Medaille gewinnt, wird sich das wohl ändern.

Nach der verpassten Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking 2008 und der Verletzung nach einem Bootsunfall im WM-Jahr 2009 bestreitet der 24-jährige Pistorius am Sonntag mit dem 400-m-Vorlauf sein erstes Großereignis im Feld der Athleten ohne Handicap, 2012 soll neben den Paralympics auch Olympia in London folgen. Dafür notwendig war ein Entscheid des Obersten Sportgerichtshof aus dem Mai 2008. Noch im Jahr davor war Pistorius ein Antreten bei Rennen laut Regeln des Weltverbandes (IAAF) "wegen unerlaubter Hilfsmittel" untersagt worden.

Prothesen ein Vorteil oder nicht?
Ein erstes Gutachten der Kölner Sporthochschule bescheinigt Pistorius erhebliche Vorteile, ein zweites ist gegenteiliger Meinung. "Ich habe so lange davon geträumt, bei einer großen Meisterschaft zu starten. Ich bin sehr stolz und ich möchte mein Land stolz machen", meinte Pistorius, der froh ist, "diese Diskussionen hinter mir" zu haben. "Ich habe viele Tests gemacht und es heißt, dass ich keinen Vorteil habe." Er will bei der WM vor allem eine konstante Leistung bieten und Erfahrung mitnehmen, wenn er auf die "größten Kaliber des ganzen Planeten" trifft. Als realistisch bezeichnete er das Viertelfinale.

Der Biomechanikprofessor Gert-Peter Brüggemann hat sich für die erste Studie mit den Cheetah genannten Hightech-Gepardenfüßen eines isländischen Herstellers beschäftigt. Die Stelzen, auf denen Sohlen von Sprintschuhen aufgeklebt sind, nennt dieser Federn. Die effizientere Art der Fortbewegungen ist für ihn "eher ein kontrolliertes Hüpfen", ein bisschen so "wie bei einem Känguru", erklärte er im "Spiegel".

"Die Federn ermüden nicht"
In einem menschlichen Fuß würden während eines Sprints allein im Sprunggelenk 40 bis 50 Prozent der eingesetzten Energie verloren gehen, bei den Federn nur 9. Und ein Athlet mit gesunden Beinen würde im zweiten Teil des 400-m-Laufs langsamer. "Oscar erreicht nach 80 Metern Maximalgeschwindigkeit und kann sie bis ins Ziel halten." Die Federn ermüden nicht. Wie der Gepard hält auch Pistorius seine hohe Geschwindigkeit über 400 Meter durch.

Dann kam ein Gegengutachten, das für Pistorius sprach. Und der CAS sagte in seiner Begründung, dass der Vorteil, den Pistorius womöglich habe, durch Nachteile aufgehoben würde. So liegt die große Schwachstelle des "Blade Runners" im Start, bei dem er einfach zu langsam ist. Bei Wind gerät er leichter aus dem Gleichgewicht. Und eine nasse und damit rutschige Laufbahn, wie sie in Daegu leicht möglich sein kann, ist ebenfalls eine Herausforderung für ihn.

Füße von Geburt an verkümmert
Pistorius kam wegen eines Gendefekts ohne Wadenbeine auf die Welt, bereits als Baby wurden ihm die Unterschenkel amputiert. Schon als Kind war er mit seinen Alltagsprothesen schneller gelaufen als die meisten seiner Freunde, mit 17 begann er mit der Leichtathletik. Bei den Paralympics hat der Johannesburger vier Goldmedaillen gewonnen und pulverisierte mehrere Weltrekorde. Seine Bestleistung über 400 m steht bei 45,07 Sekunden. Erreicht heuer in Lignano: "Das beste Rennen, das ich jemals gelaufen bin."

Solange die Chancengleichheit gewahrt bleibt, kann die Leichtathletik durch Pistorius nur gewinnen, weil er ihr Aufmerksamkeit bringt und viel zu erzählen hat. Und dennoch nennt IAAF-Council-Mitglied Helmut Digel das Startrecht von Pistorius ein "Fehlurteil". Er glaubt, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Es gehe auch um andere Sportarten. Nicht naturwissenschaftliche Erkenntnisse, sondern die Regeln sind für ihn das Entscheidende. "Wenn wir sagen, in unserer Leichtathletik muss man mit zwei Füßen und Schuhen laufen, dann ist das keine Diskriminierung."

Olympia in London als großer Traum
Auf einer Pressekonferenz am Freitag in Daegu, auf der 400-m-Legende und Weltrekordler Michael Johnson neben Pistorius auf dem Podium saß, von einem für die Leichtathletik "bahnbrechenden Ereignis" sprach und die ersten Fragen stellte, sagte der Afrikaner, dass er wisse, dass es immer Kontroversen wegen ihm geben werde. Auch wenn neunzig Prozent der Meinungen positiv seien. Und er erklärte auch, dass die Olympia-Teilnahme 2012 sein ganz großer Traum ist. "Es vergeht kein Morgen, an dem ich aufwache und nicht an London denke und wie ich dort hin komme."

Der Weg freilich wird ein beschwerlicher werden, auch wenn ihm das Internationale Olympische Komitee keine Steine in den Weg legen wird und kann, denn es gelten die IAAF-Regeln. Dazu sagte IAAF-Präsident Lamine Diack: "Wir haben entschieden, dass er (bei der WM/Anm.) antreten kann und werden sehen, wie schnell er läuft. Es wird von uns entschieden, ob er auch 2012 in London starten kann."