Weltreise von

Mit Erdogan aufwachen

Christoph Lehermayr über die Ergebnisse des Türkei-Referendums in Österreich

Weltreise - Mit Erdogan aufwachen © Bild: Ian Ehm

Nun sind alle verwundert. Fragen sich, wie es sein kann, dass drei Viertel der Türken in Österreich für Erdogans Ermächtigung zur Alleinherrschaft stimmen konnten? In der Türkei selbst waren ihm mit Ach und Krach 51,4 Prozent gelungen. Und das trotz aller Huldigung in kaum noch freien Medien, Massenverhaftungen von Kritikern, einem Klima der Angst und der Verfolgung, begleitet vom Verdacht grober Fälschung und Manipulation beim Referendum. Wie kann es sein, dass Recep Tayyip Erdogan hierzulande weit populärer ist als in der Türkei selbst?

Nach zwei Wochen Recherche in der türkischen Community hierzulande, hält sich meine Verwunderung in Grenzen. Der Weg führte dabei in teils abgeschottete Welten inmitten einer fremden Wirklichkeit. Es waren Kellerlokale und Hinterhofmoscheen, kleine Restaurants und große Märkte, in denen eine Erkenntnis reifte: Erdogan suggeriert vielen der hier lebenden Türken das, wonach sie sich am meisten sehnen – Anerkennung und Stolz. Zahlen zur heimischen türkischen Community erklären das Warum. Keine andere Migrantengruppe in Österreich weist in allen für die Integration relevanten Bereichen schlechtere Werte auf. Egal ob Bildung oder Einkommen, Erwerbstätigkeit oder Armutsgefährdung – die Türken liegen überall an letzter Stelle. Nur in einem Bereich lassen sie Serben, Kroaten, Bosnier oder Polen weit hinter sich: der Verbundenheit mit der alten Heimat. Die Hälfte der Türken im Land fühlt sich der Türkei gegenüber loyaler als Österreich.

Nun kann man treffend darüber streiten, wessen Schuld das ist? Ist Erdogan die Rache für drei Jahrzehnte gescheiterter Integration hierzulande, wie die türkischstämmige SPÖ-Abgeordnete Nurten Yilmaz sagte? Oder gilt vielmehr, dass „du zwar einen Dorfbewohner aus Anatolien rausholen kannst, aber Anatolien nicht aus ihm“, wie es ein aus Istanbul stammender Chirurg, der nun in Wien tätig ist, flapsig formulierte? Richtig ist jedenfalls, dass Erdogans Staat alles dafür tat, dass „seine Türken“ im Ausland von der Türkei finanzierte Parallelstrukturen vorfanden. Obskure Religionsvereine als verlängerte Arme Ankaras für die sich, auch das ist die Wahrheit, hierzulande lange keiner interessierte. Oder die man, schlimmer noch, mit heimischen Geld förderte und unterstützte und sie als Beispiele gelungener Integration pries. War doch egal, solange die eingeösterreicherten Türken bei Wahlen für die richtige Partei stimmten. Wer in der heimischen Politik so viel Selbstverleugnung und fehlendes Interesse an den Tag legt, darf sich nicht wundern, wenn er mit Erdogan und dessen politischem Islam aufwacht. Wer nicht erkennt, dass dieser politische Islam längst eine Waffe geworden ist, mit der versucht wird, säkular geprägte Gesellschaften von innen auszuhöhlen, betreibt Realitätsverweigerung.

Erdogan ist der Held dieser Menschen, weil er der erste türkische Staatschef ist, der ihre Wirklichkeit widerspiegelt. Seine Vorgänger zählten allesamt zur kemalistisch geprägten Elite der Türkei: gebildet, säkular, westlich geprägt. Und plötzlich kommt einer von ganz unten und marschiert bis nach oben durch. Konservativ, religiös, rhetorisch brillant und dabei bodenständig. Einer, der mit dem Westen abrechnet, den Stolz auf das Türkentum nach außen trägt und sich als echter „Baba“, also Übervater, inszeniert. Bitter bleibt bloß, dass in der Türkei die Hälfte der Bevölkerung all ihren Mut und ihre Zivilcourage zusammennahm, um unter Gefahr gegen die Allmachtsphantasien dieses Mannes zu stimmen. Während viele der hier in der Demokratie lebenden Türken komfortabel aus der Ferne für deren Abschaffung in der Heimat optierten. Mit Hauruck-Aktionen wird es nun nicht gelingen, das zu korrigieren, was drei Jahrzehnte lang falsch gelaufen ist und keinen kümmerte. Was es braucht, ist die massive Unterstützung all jener Kräfte, die sich Erdogans Ermächtigung in den Weg stellen – in der Türkei ist das die Hälfte der Bevölkerung. Und auch hierzulande sind es weit mehr als vermutet. Nur sind sie nicht so sichtbar wie jene Erdogan-Huldiger vor der Haustür.