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Legales Gras in Wien

Cannabis - Legales Gras in Wien © Bild: News/Strasser

Ein Laden, der Cannabis-Blüten verkauft - im siebten Wiener Gemeindebezirk geht das seit Neustem. Die Polizei, die gegenüber ihre Inspektion hat, gibt grünes Licht.

Die ältere Frau beugt sich über den Holztresen. Sie ist sich nicht sicher: Soll sie die getrockneten Blüten in den Gläsern kaufen? Oder doch die Tropfen? Sie kramt ihre Brille aus der Tasche und studiert die Preisliste. Die Kundin ist 62 Jahre alt und heißt Silvia. Geraucht hat sie noch nie. Aber heute will sie Gras kaufen. "Ich hatte Krebs, musste operiert werden. Die Schmerzen sind geblieben." Ihr Arzt verschrieb Morphium. Ein starkes Betäubungsmittel, das abhängig macht. "Das Zeug will ich nicht nehmen", sagt Silvia. Im Internet suchte sie nach Alternativen und fand MAGU. Einen Laden in der Stiftgasse in Wien-Neubau, der getrocknete Cannabis-Blüten verkauft. "Das soll ja angeblich gegen Schmerzen helfen. Ich probiere es." Silvia kauft die ersten zwei Gramm Gras ihres Lebens und sicherheitshalber noch Tropfen mit dem gleichen Wirkstoff -falls das mit dem Rauchen nicht klappt.

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Tatsächlich wird Cannabis als Heilmittel von vielen Experten diskutiert. Sogar das Gesundheitsministerium stellt fest: "Die klinische Wirksamkeit von aus Cannabispflanzen gewonnenen Cannabinoiden bei verschiedenen Indikationen gilt als belegt." Cannabismedizin verspricht Linderung bei Krebs, chronischem Schmerz, Spastik, Rheuma, Tourette-Syndrom, Epilepsie, Parkinson oder Alzheimer. Positive Wirkungen der Pflanze sind mittels Grundlagenforschung nachgewiesen, Studien am Menschen gibt es kaum. Das soll sich jetzt in Deutschland ändern. Dort dürfen seit März Schwerkranke auf Rezept Cannabis in der Apotheke erhalten, und die Krankenkasse zahlt. Begleitend soll eine Studie die Ergebnisse analysieren. Für das österreichische Gesundheitsministerium sind die Daten "von großem Interesse", heißt es auf Anfrage. Während vor allem in den USA die Legalisierung von Cannabis zunimmt, streiten hierzulande zwei Lager: das Ministerium und die Cannabis-Aktivisten. Die einen gewähren zwar Präparate auf Cannabisbasis für Schwerkranke, aber nur dann, wenn ein Arzt sie verschreibt. Das ist oft teuer. Die anderen fordern, dass sie sich ihre Hanfpflanzen zu Hause züchten und sich selbst heilen können. MAGU geht den Mittelweg.

Wiener Züchtung

Mit dem medizinischen Präparat oder der Dröhnung für Kiffer, die meist aus 85 Inhaltsstoffen besteht, hat das Produkt aus dem Wiener Bobo-Bezirk nur entfernt Ähnlichkeit: Die Betreiber, Juri Alan Scotland, Sebastian Riessland und Sofie Sagmeister, verkaufen seit Anfang März eine spezielle Züchtung. Und die verkauft sich wie warme Semmeln. Im Minutentakt betreten neue Kunden ihren Laden. Bisher ist das Geschäft noch minimalistisch eingerichtet. Ein Holztisch als Verkaufstresen. Zwei braune Ledersessel, an den Wänden hängen Regale. Darauf stehen ihre Produkte. Gefäße mit Schraubdeckel, die eher an Marmeladengläser erinnern und mit einem grünen Kraut befüllt sind.

In dem politisch und juristisch korrekten Gewächs steckt weniger als die erlaubten 0,3 Prozent Tetrahydrocannabinol (THC), dafür umso mehr Cannabidiol (CBD). Der Unterschied: Produkte mit einem THC-Gehalt von über 0,3 Prozent haben eine psychoaktive Wirkung und werden als Suchtmittel eingestuft. CBD hingegen ist nicht berauschend und deshalb erlaubt. Davon ist in der Wiener Züchtung, je nach Charge, um die sechs Prozent drin. Zwar werden auch dem THC gute Wirkungen bei manchen Krankheiten nachgewiesen, aber CBD hemmt nachweislich Entzündungen und wirkt entspannend.

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Im Laden selbst erfährt der Kunde davon nichts. "Wir bieten unsere Blüten zur Verwendung als Aromaprodukte an, sie sind nicht zur Einnahme empfohlen", sagt der 29-jährige Scotland. Auf Fragen, wie der Kunde das Produkt am besten konsumiert oder wie es wirken könnte, dürfen die Betreiber nämlich keine Antwort geben. "Wir verweisen an Ärzte, Apotheker oder Dr. Google", sagt Sebastian Riessland. "Die meisten Kunden lachen darüber, aber manche haben auch schon mit Unverständnis reagiert."

Sissi und Franz

Die 21-jährige Hannah kommt heute zum ersten Mal in den Gras-Shop. Sie hat früher gelegentlich einen Joint geraucht. Das ließ sich irgendwann nicht mehr mit dem Studium vereinbaren: "Ich wollte ja nicht ständig zugedröhnt in die Uni gehen. Aber die entspannende Wirkung hab ich vermisst." Ein Freund erzählte ihr von der legalen Alternative. Jetzt will Hannah sie testen und lässt sich von Sofie Sagmeister das Gras zeigen: Die beiden Cannabissorten heißen "Sissi" und "Franz". Hannah muss lachen. Sagmeister erklärt: "Das ist ein Wiener Produkt und soll sich auch nach Wien anhören." Im Prinzip seien sich die Kaisersorten ähnlich. Nur der Geruch sei unterschiedlich. "Franz riecht herb und authentisch. Sissi eher wie Ur-Hanf mit einer sanften Zitrusnote." Ersteres ist schon ausverkauft. Also fällt Hannahs Entscheidung schnell. Sie kauft 5 Gramm "Sissi" für 40 Euro.

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Danach ist Georg an der Reihe. Er trägt seinen Sohn auf dem Arm. Der 27-Jährige kennt sich aus. "Ich will hin und wieder zur Entspannung rauchen." Normalerweise den "Franz", aber heute notgedrungen "Sissi". 10 Gramm für 80 Euro. Sagmeister gibt ihm den Kassenzettel mit. "Nur für alle Fälle", sagt sie und zwinkert.

Mit der Polizei haben die Betreiber keine Probleme. "Die waren zwar da, aber nur um uns ihre Hilfe anzubieten, falls wir Probleme bekommen", sagt Sebastian Riessland. "Die kennen sich aus und wissen, dass wir hier nichts Illegales machen." Das weiß nicht jeder. Denn ausgerechnet die Konkurrenz macht Ärger. Die sogenannten Grow-Shops, die legal Jungpflanzen verkaufen dürfen, weil der verbotene THC-Gehalt normalerweise in der Blüte steckt, scheinen neidisch. "Sie versuchen, sich bei uns einzumischen", sagt Juri Alan Scotland. Kurze Zeit später funktionierte das Bankomatgerät nicht mehr. "Wir sind mit eurem Geschäftsmodell nicht einverstanden", hieß es. Auch mit der Facebook-Werbung für den Laden hatten sie schon Probleme. "Die lesen nur Cannabis und damit sind wir für die ein rotes Tuch", seufzt Scotland.

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Das Trio lässt sich nicht einschüchtern. Der Erfolg motiviert sie. Zweimal waren sie bisher ausverkauft. Jetzt denken sie darüber nach, Geld zu sammeln: "Wir möchten ein Crowdfunding starten, um unsere eigene Produktionsanlage finanzieren zu können, damit wir in Zukunft laufend und verlässlich Produkte in gleichbleibender Qualität anbieten können", erklärt Scotland. Damit wäre für Nachschub gesorgt. Bisher waren viele Kunden vom legalen Gras begeistert. Nur einer nicht. Scotland lacht: "Der hat es geraucht und war enttäuscht, weil er nicht rauschig wurde."

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