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Die große Leere nach der Matura

Lernstress und dann? Was man tun kann, wenn man noch keinen Post-Matura-Plan hat

Bildung - Die große Leere nach der Matura © Bild: © Corbis. All Rights Reserved.

Studieren oder arbeiten? Nicht jeder, der die Matura geschafft hat, kann den Sommer unbeschwert genießen. Wer noch nicht weiß, wie es danach weitergeht, ist jetzt erst recht unter Druck

Er könnte so schön sein, dieser Sommer. Die Matura ist geschafft, die Schule nur mehr eine Erinnerung. Das Leben liegt vor dir. Bis die Uni im Herbst losgeht, bleibt ganz viel Zeit. Reisen, Freibad, Feste feiern. Ein Ferienjob, um die Kasse für die nächsten Abenteuer zu füllen. Und zwischendurch vielleicht ein bisschen darüber nachdenken, was man eigentlich studieren oder sonst so machen will.

In nostalgischen Erzählungen von Eltern und Verwandten kommt dieses verklärte Bild noch vor. Wer heute jung ist und sich Gedanken über seine Zukunft macht, muss hingegen deutlich straffer organisiert sein als früher.

Für einige stark nachgefragte Studienrichtungen wie Medizin oder Wirtschaft musste man sich schon im Frühjahr online registrieren, bevor man überhaupt die Matura geschafft hatte. Das erleichtert den Universitäten die Planung und soll überfüllte Hörsäle verhindern, sorgt aber für zusätzlichen Druck für die Jugendlichen, die ohnehin im Prüfungsstress sind. Wer diese Termine übersehen hat, für den gibt es keine Chance, das Wunschstudium heuer anzutreten. Einige Anmeldefristen an Unis oder Fachhochschulen laufen aber noch.

Das heißt: Bevor die Entspannung beginnt, sollten sich die Maturanten jetzt noch rasch informieren, welche Möglichkeiten sie haben. Und da gibt es ja noch einige.

Es ist nichts verloren

"Gerade heuer haben viele Jugendliche die Anmeldung übersehen, weil alle so auf die Zentralmatura konzentriert waren", berichtet Monika Neuhauser über ihre Erfahrungen aus der Maturantenberatungsstelle SAB. "Wir versuchen dann zu beruhigen, denn das Jahr ist nicht verloren. Es gibt ja Studienrichtungen, wo das Maturazeugnis reicht", sagt sie. Ihr Rat: ein solches Studium beginnen und später versuchen, in das Wunschstudium zu wechseln. "So lernt man das Studentenleben und den Unibetrieb kennen, kann sich Prüfungen für später anrechnen lassen und vielleicht auch schon Lehrveranstaltungen im Wunschstudium belegen."

Neuhauser sieht in ihrer Beratungsarbeit einige Trends. "Wir merken, dass klassische Studienrichtungen mit einer breiten Ausbildung, wie Jus oder Wirtschaft, wieder stärker nachgefragt werden. Die Jungen spüren, dass eine zu frühe Spezialisierung in eine Sackgasse führen kann." Aus diesem Grund habe auch der Run auf die Fachhochschulen etwas abgenommen. Außerdem registriert Neuhauser zunehmendes Interesse junger Leute, im Ausland zu studieren oder ein Trainee-Programm zu absolvieren. Und: "Wir merken, dass Lehrberufe immer mehr zum Thema werden. Betriebe suchen nach qualifizierten Bewerbern, die Lehrzeit ist kürzer, man kann einige Lehrmodule im Ausland machen und eine höhere Lehrlingsentschädigung vereinbaren."

Alfred Freundlinger von der Abteilung für Bildungspolitik der Wirtschaftskammer sieht ebenfalls eine Zukunft in der Lehre mit Matura. "Die Zahl der Maturanten steigt. An vielen Unis gibt es bereits Studienplatzbeschränkungen. Und nicht für jeden ist ein Studium das Richtige." In Deutschland habe bereits ein Viertel der Lehrlinge Abitur, während es in Österreich gerade einmal zwei Prozent sind.

Experten raten all jenen Jugendlichen, die noch immer mit ihrer Berufs-und Studienentscheidung hadern, einen Berufsorientierungstest zu machen. Arbeiterkammer, AMS, Schulpsychologie, Maturantenund Studentenberatungsstellen bieten solche Tests an. Die Studienberaterin Karin Quigley-Draxler erklärt: "Nach einem solchen Test lassen sich Berufsfelder erkennen, für die man geeignet ist. Dann weiß man, in welche Richtung man gehen könnte."

Entscheiden muss man letztlich selbst, mit einer Mischung aus Bauchgefühl und Abwägen, ob im Wahlberuf auch entsprechende Nachfrage nach Arbeitskräften herrscht. "Es gibt niemanden, der einem sagen kann:'Genau das sollst du werden'", sagt Freundlinger.

Beratungsmängel

Der Bildungsexperte rät dazu, schon im vorletzten Schuljahr zu überlegen, was man später machen will. Er sieht allerdings Schwachstellen in der Berufsberatung an den Schulen: "Da passiert nicht genug. Schon in der Unterstufe erfolgt die Entscheidung über die weitere Ausbildung zu wenig nach Eignung und Neigung. An den AHS-Langformen geht es oft darum, die Schüler an der Schule zu halten. Auch in der Oberstufe könnte mehr passieren. Studien- und Berufsinformationsmessen machen ja nur Sinn, wenn sie von den Lehrern vorund nachbereitet werden."

HTL-Absolventen sind in Unternehmen gleich nach der Matura gefragt. Hak-Maturanten haben es am Arbeitsmarkt schon schwerer. Und: "Mit einer AHS-Matura kann man nicht mehr davon ausgehen, dass man sofort einen Job bekommt, auch nicht in der Verwaltung", warnt Freundlinger.

Diese Aussichten und alarmierende Arbeitslosenzahlen machen vielen Jugendlichen zu schaffen. "Früher konnte man als Beraterin sagen: 'Probier etwas aus.' Heute stehen die jungen Leute unter einem unglaublichen Erfolgsdruck. Sie glauben oft, dass sie eine Entscheidung treffen müssen, die hält, bis sie 70 sind. So ist es aber nicht", sagt Studienberaterin Quigley-Draxler. "Ich kenne nur wenige Menschen, die ihr Leben lang genau das machen, was sie studiert haben. Und nichts, was man lernt, ist umsonst." Ein Hinweis, der dazu beitragen könnte, diesen Sommer dann doch noch etwas entspannter zu beginnen.

Wo man Hilfe findet

Matura was nun?
© Infografik Karin Netta Zum Vergrößern Bild anklicken

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