Lebensabend in der Fremde von

Der Pflege-Export

Zu hohe Kosten: Österreichische Pensionisten werden in slowakische Billig-Heime verlegt

Lebensabend in der Fremde - Der Pflege-Export © Bild: NEWS/Ricardo Herrgott

Es ist weder ein guter Tag noch ein schlechter, es ist bloß ein Tag wie jeder andere. „Ich sitze da und schaue“, antwortet der 88-jährige Emil Bergmann auf die Frage, womit er sich denn hier so die Zeit vertreibe. Hier – das ist ein Altersheim am Rande der 7.000-Einwohner-Stadt Želiezovce in der Mittelslowakei.

Derzeit ist Herr Bergmann zwar in der nahegelegenen Psychiatrie untergebracht, doch in den nächsten Tagen übersiedelt er wieder in das Gebäude, das für ihn vor zwei Jahren zur neuen Heimat wurde. Zum Schauplatz eines Lebensabends in der Fremde.

Früher, zu Zeiten des Kommunismus, beherbergte der u-förmige Plattenbau noch das Kreiskrankenhaus. Nun steht der eine Teil leer und verfällt langsam. Im anderen Teil ist ein privates Altersheim untergebracht. Die Kunststofffenster sind frisch eingesetzt, die Böden blank geschrubbt, die Betten neu. Aber sonst wirkt das karge Mobiliar billig und abgewohnt.

„Tut mir leid, dass ich zur Begrüßung nicht aufstehen kann“, sagt Herr Bergmann. Um zu verhindern, dass er womöglich umkippt, hat man ihn mit einem improvisierten Sicherheitsgurt aus Stoffresten an seinen Fauteuil gebunden. Vor zwei Jahren hatte er eine schwere Gehirnblutung, wurde über Nacht zum Pflegefall.

Leben im dunklen Dickicht.
Herr Bergmann hat lichte Momente, in denen er zusammenhängend spricht. Dann verliert er sich wieder im dunklen Dickicht zwischen Erinnerung und Verdichtung. Vom Krieg erzählt er, von seiner Zeit als erfolgreicher Autoverkäufer. Von seinem letzten getreuen Gefährten, einem Honda Civic. „Glauben Sie mir, eine gute Marke.“ Von den Medikamenten, die er tagtäglich nehmen soll. „Glauben Sie mir, das sind ganz schön viele.“

Nur über die Familie, über die Tochter, die 250 Kilometer entfernt in Wien lebt, über die will er nicht reden. Und auch sie ist, auf ihren Vater angesprochen, ziemlich kurz angebunden. „Er konnte daheim nicht mehr betreut werden, war oft aggressiv und ungut.“ Die Tochter will anonym bleiben, weshalb wir ihren Vater hier Herr Bergmann nennen, das ähnelt seinem echten Namen zumindest phonetisch.

Die Zurückhaltung ist kaum verwunderlich. Den Vater in ein Billig-Heim in der Slowakei zu verlegen, nein, das ist trotz getrübter Beziehung kein Schritt, den man gern an die große Glocke hängt. Auch wenn er hierzulande immer populärer wird.

Warum? „Heimbetreuung in Österreich oder Deutschland, das kann sich doch keiner mehr leisten“, legt der deutsche Geschäftsmann Artur Frank seinen Finger in die tiefste Wunde unseres Sozialsystems. 1.500 bis 3.500 Euro pro Monat bezahlt man in Österreich für die Unterbringung in einem öffentlichen Pflegeheim, in den privaten Residenzen können die Kosten auf bis zu 7.000 Euro steigen. Ausgaben, die durch das staatliche Pflegegeld und Pensionen von durchschnittlich 950 Euro in vielen Fällen nicht einmal annähernd abgedeckt sind. Dabei steigt die Zahl der Pflegebedürftigen rasant, 440.000 sind es derzeit – fast die gesamte Einwohnerschaft von Graz und Linz.

„Oft wird die gesamte Rente für die Seniorenunterkunft oder für Zuzahlungen an das Pflegeheim verbraucht, und die Kinder müssen erhebliche Aufwendungen für diese Einrichtungen übernehmen“, schildert Frank die Rahmenbedingungen für sein Businessmodell.

Kippt nun langsam, aber sicher der Generationenvertrag? Frank, mit einer Slowakin verheiratet, hat sich auf die Verlegung österreichischer und deutscher Pensionisten in slowakische Altersheime spezialisiert. Denn dort nimmt man für die Betreuung samt allen Nebenkosten kaum mehr als 1.000 Euro pro Monat.

800 Kilometer weit weg.
Rein rechtlich spricht nichts gegen den organisierten Rentner-Export, ethisch ist das Modell aber höchst umstritten. „Pionierarbeit“ nennt es Frank, „Vermögensschonung für Angehörige“ Johannes Wallner, Präsident des Bundesverbands der Pflegeheime. Ein Grenzgang zwischen Geld und Gewissen.

Sechs hochbetagte Österreicher hat Frank, meist auf Betreiben der Angehörigen, bereits in den alles andere als nahen Osten transferiert, weitere sollen bald folgen. Ein Betroffener aus Klagenfurt ist sogar in der Grenzregion zur Ukraine untergebracht, fristet seinen Lebensabend somit 800 Kilometer von zuhause entfernt.

„Drei der von mir vermittelten Österreicher sind zwar körperlich mobil, leben aber psychisch in ihrer ganz eigenen Welt“, erzählt Frank. Bei denen sei es ja letztendlich egal, wo sie untergebracht sind. Zumal viel entscheidender als das Wo ja das Wie sei. Und das behalte Frank auch nach Abwicklung der Überstellung und dem Empfang seiner Administrationsgebühr von 1.980 Euro im Auge: Eine ehemalige Wiener Musikerin, die sich in einem Heim am Fuße der Hohen Tatra eingesperrt fühlte, habe er kurzerhand wieder abgeholt.

Doch das seien Einzelfälle, die der Goldgräberstimmung in den östlichen Privatgeriatrien keinerlei Abbruch tun. Im Gegenteil, gerade in den strukturschwächsten Regionen unseres Nachbarlands freut man sich über die greisen Dauergäste.

Leerer Blick, flüchtiges Lächeln.
„Ich kann garantieren, dass ich alle westlichen Standards erfülle“, buhlt etwa Marquita Szabo. Die resolute Dame, deren verstorbener Mann aus Österreich stammte, hat sich im ostslowakischen Košice, hart an der ukrainischen Grenze, mit einem kleinen Privatheim selbständig gemacht. Die 74-jährige Unternehmerin spricht fließend Deutsch, nun hofft sie für ihr heimelig eingerichtetes Haus auf Zuzügler aus Artur Franks Kundenkartei. Wohl nicht ganz zu Unrecht. Immerhin entspricht ihre Residenz noch am ehesten dem, was Frank propagiert.

Dekorative Best Ager mit bronzenem Segler-Teint sieht man auf seiner Homepage und wähnt Marina und Golfclub gleich um die Ecke. „Im Seniorpalace leben Sie selbstbestimmt wie in den eigenen vier Wänden, ohne die Annehmlichkeit einer ungezwungenen Hausgemeinschaft und eines sicheren und umsorgten Wohnumfeldes missen zu müssen.“

Es ist eine Art Arkadien für die Alten, das da im blumigen Werbejargon angepriesen wird. Ein Bild, das in schroffem Kontrast zur Realität steht. Altersheim Pohronský Ruskov, Mittelslowakei. Maria H., 77, aus München liegt hier in ihrem stählernen Bett, ihr Blick geht ins Leere, ihr Mund ist halb geöffnet. Richtig sprechen kann sie nicht mehr, doch als sie ein paar Wortfetzen auf Deutsch aufschnappt, huscht ein flüchtiges Lächeln über ihre Lippen.

Die letzte Heimreise.
Nein, Deutsch spricht in Marias letzter Heimat keiner mehr. Denn Frau Anna W., ihre ehemalige Mitpatientin, die aus einem Vorort von Wien stammte, ist 87-jährig verstorben.

„Wir haben die Oma dann auch gleich hier kremieren lassen und ihre Urne dann selbst heimgeholt, das war viel billiger als in Österreich“, erzählt Annas Enkel freimütig. Denn auch das organisiert Herr Frank.

Zunächst habe man Anna ja in einem österreichischen Heim unterzubringen versucht, doch das habe sich bald als unfinanzierbar erwiesen. Dann habe Annas Tochter die betagte Mutter heimgeholt und gemeinsam mit einer slowakischen Helferin gepflegt. Erst als es zwischen Mutter und Tochter zu ernsten Streitereien gekommen sei, habe man sich schweren Herzens entschlossen, die alte Frau in die Slowakei zu verlegen.

"Wenn ich ganz ehrlich bin: Wirklich glücklich war die Oma mit dieser Entscheidung dann doch nicht“, sagt ihr Enkel.

Kommentare

Es geht auch anders ! Meine Mutter ist 88 Jahre und bettlägrig . Sie benötigt da sie schwer Dement , und auch körperlich sehr schwach (Inkontinent ) ist , rund um die Uhr Pflege . Wir haben über eine Agentur rumänische Pflegerinen , die im Monat 1350.- € erhalten .
Meine Mutter bekommt 926.- € Pflegegeld und 275.-€ Pflegezuschuß von der Stadt Wien. Den Rest bezahlt sie von ihrer Pension . Das ist leicht zu bewältigen. S

Beschämend Ausufernde Preise in Pflegeheimen und kein Geld in der Staatskassa die Kosten zumindest teilweise zu finanzieren. Aber lockere 18 Millionen Euro \'spenden\' wir für die Ausbildung von Soldaten und Polizei in Afghanistan. Was für eine perverse Politik.

...EU... Hauptsache, wir finanzieren dank EU mit unserer Arbeitskraft solche Schmarotzerstaaten wie Griechenland, Rumänien u Bulgarien, wo unser Geld in dunklen Kanälen verschwindet und bis heute nicht nachvollziehbar ist, was damit gemacht wird.

1972bad melden

sehr, sehr.. ..traurig der staat hat kein geld für seine alten, gebts uns doch a spritzerl und a ruh is und ihr sparts euch (politiker) viel geld und die alten brauchen keine angst zu haben, irgenwo bis zum bitteren ende dahin zu vegetieren

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Re: sehr, sehr.. tja leider, für die "Aufbau"-Generationen, welche uns unser früheres Österreich durch ihrer Hände Arbeit geschenkt haben ist leider KEIN GELD da, aber für die EU zahlen wir hunderdete Mio. freiwillig mehr - danke Hr.Schüssel - wir erhalten marode bzw. bankrotte Mitgliedstaaten, FÖRDERN ILLEGALE und WIRTSCHAFTFLÜCHTLINGE (Deutschkurse etc.)
Unsere Politiker schauen auf ALLLE anderen, vor allem aber auf sich SELBST, nur nicht auf die ÖSTERREICHER, von welchen sie BEZAHLT werden. Es ist traurig, daß für unsre "Alte Generation" KEIN Geld vom Staat zurUnterstützung da ist, ür jeden anderen SCHEISS aber schon

Mensch kann sich Mensch nicht mehr leisten Irre Steuergesetze zum Menschensparen. Etwa pei 2300.-Brutto ist die Grenze wo der Arbeitgeber 50% an den Arbeitnehmer überweist und die anderen 50% Steuern und Abgaben sind.

http://politik.pege.org/2009-sparen/

Dieser Irrsinn führt geradewegs ins Verderben, aber die Politik ist in Österreich nicht bereit über diesen Wahnsinn zu diskutieren.

Heimkostenwucher! tja, wer hierzulande selbst schon mal jemand im Heim hatte, weiß wovon dieser Artikel spricht. In einem Land in dem 1/3 schon um bzw. unter der Armutsgrenze verdient ist es kein Wunder das sich kaum jemand mehr unsere Heime leisten kann!

Und solange die Plegeanstalten ungeregelt ihre Preiswucher weiterfahren dürfen wird
sich daran auch nichts ändern. Bund und Länder schauen da ja zu.

In Zukunft wird das aber eh kein Thema mehr sein. Pensionsaltersanhebungen zeigen ja deutlich: Pensionen werden langfristig eh abgeschafft, arbeiten bis du tot umfällst - und eine Billigentsorgung danach.
(Und selbst dann werden unsere Regierungen nicht mit unserem Geld haushalten können)

Rakaar melden

Generationenvertrag Sein ganzes Leben arbeiten um das System von Korruption und Postenschacher aufrecht zu erhalten. Als Dank wird man dann in ein Heim im Ausland abgeschoben.
Den Alten, die uns eigentlich erst diesen Wohlstand ermöglicht haben, wird gesagt es ist kein Geld für sie da.
Aber diskutieren wir doch lieber über eine Mindestsicherung für Leute die noch nie etwas für die Gemeinschaft getan haben.
Es lebe die Zukunft des österreichischen Sozialsystems...

freud0815 melden

Re: Generationenvertrag das sterben ist für hinterbliebene ebenso in der slowakei oder tscheichei - mit überführung um einiges günstiger. einem bekannten seine mutter arbeitete jahrelang in wiener fabriken und wurde krank-schon vorab überschrieb sie ihren körper der stadt zu *medizinischen zwecken* und nach abschluss einäscherung und begrabung im massen grad ohne namensschild-nix. der sohn wolllte sowas nicht und zahlte der stadt nochmal 400€ um den körper freizukaufen und liess sie in der tscheichei anständig begraben.
ihre rente war so niedrig, dass sie in einer bude mit klo am gang usw hauste-
wenn ein alter mensch zn alzheimer hat, ist es wirklich egal wo er untergebracht ist, denn er erkennt ja keinen, aber wenn ich so rüstige rentner denke, die evtl wegen einem bruch nicht mehr für sich sorgen können?

Maika melden

Re: Generationenvertrag So ist es nicht, daß es egal ist wo ein Alzheimerpatient untergebracht ist. Auch wenn man sich nicht mehr mitteilen kann , spürt man, ob es einem gut geht oder nicht., ob ich in einem fremden Land liege und auf das Sterben warte oder zu Hause betreut werde.
Ich finde es ein Armutszeugnis für Österreich, so wenig für seine "Alten" zu tun.
Ein gutes Pflegehein (wobei ein Pflegeheim immer der letzte Ausweg sein sollte)
kostet ca. € 3.200 plus € 100.- monatl. Depotgeld für div. Dienstleistungen wie z. B. Fußpflege, Friseur etc... und trotzdem muß man als Angehöriger noch sehr dahinter sein, daß alles klappt!
Wie soll man das mit einer Pension von € 800.- und einem Pflegegeld von € 950.- finanzieren????

freud0815 melden

Re:@maika wenn du dir ansiehst wie es in den städtischen pflegeheimen wiens zugeht ( die meisten pflgerinnen können grad mal grüss gott stammeln) und das mit nem tschechischen heim vergleichst, wär ich lieber im ausland wenns soweit ist
es ist sowieso ein unding wie manche mit 900€ im monat leben müssen, kein wunder sinds verbittert
ihr leben lang habens alles gegeben und ihre gesundheit ruiniert und jetzt merkt mitunter keiner wenn se sterben. schau mal den parkplatz im altenheim an-nur an muttertag und xmas ist der voll

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