Leben von

Packendes Endzeitdrama

Thomas Adès’ „The Exterminating Angels“ bei den Salzburger Festspielen gefeiert

The Exterminating Angel © Bild: APA/BARBARA GINDL

Die neue britische Oper leidet im Allgemeinen an einer Tendenz zu Glätte und Unverbindlchkeit. Selbst an die Substanz gehende Stoffe wie „Sophie’s Entscheidung“ ließen da sonderbar unberührt. Thomas Adès, dessen Auftragswerk „The Exterminating Angel“ („Der Würgeengel“) am Donnerstag bei den Salzburger Festspielen, uraufgeführt wurde, versagt sich hingegen jede Anwandlung zu falscher Eleganz.

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The Exterminating Angel
© APA/BARBARA GINDL

Adès, der mit handwerklicher Meisterschaft an der Grenze zwischen Atonalität und Tonalität unterwegs ist, kennt im besten Sinn keine falsche Scham: Sein Gespür für Atmosphäre ist untrüglich, seine Freude am Effekt grenzenlos, seine Behandlung des gesungenen Wortes perfekt. Das durchaus vertrackte Sujet nach Bunuels surrealistischem Filmkunstwerk aus dem Jahr 1962 gewinnt da die Dynamik eines veristischen Reißers. Eine exklusive Premierengesellschaft ist von der Oper zum Diner in die Villa eines Millionärs gewechselt. Unbegreiflicherweise hat das Personal panisch die Flucht ergriffen, und das war, wie sich alsbald herausstellt, eine weise Entscheidung: Die Gesellschaft ist, bei geöffneten Türen, außerstande, den Raum zu verlassen. Rasend schnell verabschieden sich die zivilisatorischen Parameter, am Ende ist man zum Menschenopfer bereit. In der uns heimsuchenden Endzeit gewinnt das, gerade an diesem Ort exklusiver Kunstausübung, unheimliche Aktualität. Gut möglich, dass wir mit unserer Zivilisation schon ohne Ausweg in den Untergang treiben. Sartres geschlossene Räume materialisieren sich da ebenso wie Marlen Haushofers „Wand“. Trotz dieser sich aufdrängenden Symbolik entzieht der Librettist Tom Cairns, der in Hildegard Bechtlers klaustrophobischer Ausstattung auch Regie geführt hat, Bunuels Vorlage zumindest einige ihrer vielen symbolischen Ebenen. Hier vollziehen sich auch realistische, nachfühlbare Schicksale. Das Atout des Regisseurs Cairns ist die packende, überzeugende Personenführung.

The Exterminating Angel
© APA/BARBARA GINDL

Ein atemberaubendes Ensemble gruppiert sich um die charismatischen Altmeister John Tomlinson, Anne Sofie von Otter und Thomas Allen. Audrey Luna als Operndiva dringt dabei in extraterrestrische Höhen vor. Um sie singen sich Amanda Echalaz, Sally Matthews, Christine Rice, Sophie Bevan, Charles Workman, Frederic Antoun, Iestyn Davies mit und Ed Lyon begeisternd und auf der Höhe der enormen Anforderungen die Seelen aus dem Leib.

Das grandiose ORF-Orchester erweist an der vielfältig fordernden Aufgabe seine Unentbehrlichkeit. Die Ovationen waren von der Art, die man heute selbst bei starbesetzten italienischen Premieren selten erlebt.

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