Leben ohne Buchstaben

Eine halbe Million Menschen in Österreich können nicht richtig lesen

Längere Wörter zu schreiben, fällt Sabine* noch schwer. Geht sie zum Arzt, nimmt sie einen Zettel mit, auf dem ihre Krankengeschichte steht. Den malt sie ab, wenn sie ein Formular ausfüllen muss. Aber zumindest kann sie lesen, wo sie ihre Adresse eintragen muss. Früher war das anders.

von Schreiben an Tafel © Bild: iStockphoto.com/stevanovicigor

Sabine ist eine von 545.000 Personen in Österreich, die zwar hier geboren und aufgewachsen sind und die Schule besucht haben, aber nicht richtig lesen und schreiben können. Das ergab die sogenannte PIAAC-Studie.

Die Zahl ist noch höher, wenn man Menschen dazurechnet, die nicht in Österreich geboren und mit Deutsch als Erstsprache aufgewachsen sind: "Eine Million Analphabeten", titelten Zeitungen, als die Studie 2013 erschien. Doch das muss man differenziert betrachten: 720.000 Menschen, die an der Studie teilnahmen, konnten kurze Texte zwar lesen, aber den Sinn nicht richtig erfassen, waren also keine Analphabeten. 140.000 Menschen schafften nicht einmal das. Und 103.000 Menschen konnten wegen mangelnder Leseoder Sprachfähigkeit nicht an der Studie teilnehmen. Experten meiden außerdem den Begriff "Analphabetismus". Sie sprechen lieber von Bildungsbenachteiligung oder Basisbildungsbedarf.

Egal, wie man es nennt, das Thema ist immer noch ein Tabu. Obwohl rund jeder sechste Erwachsene davon betroffen ist. In einer vollbesetzten Wiener Straßenbahn sind das über 20 Personen. Aus Angst vor Stigmatisierung entwickelte Sabine Techniken, erfand Ausreden: "Beim Einkaufen sagte ich, ich hab den Einkaufszettel zu Hause vergessen", erzählt sie, "und wenn ich einen Plan lesen sollte, hab ich ihn verkehrt gehalten." Straßen-und Haltestellennamen lernte sie auswendig. Auch den Führerschein schaffte sie nur dank ihres Gedächtnisses. Später nahm sie überall, wo sie Formulare ausfüllen musste, ihre Tochter mit hin. Die erledigte das für die Mutter. Als sie vor sieben Jahren ihrem Umfeld von ihren Schwächen erzählte, wandten sich die meisten von Sabine ab.

Einen Job fand sie aber immer wieder. Erst nähte sie Mieder und BHs, später war sie in einer Schokoladenfabrik und in einer Glühlampenfirma. Jetzt arbeitet die 57-Jährige als Küchengehilfin. Wie Sabine haben 60 Prozent der Menschen mit Leseschwäche einen Beruf, zeigt die PIAAC-Studie. Was sie noch zeigt: Die Lesekompetenz der Österreicher liegt unter dem OECD- Durchschnitt. Auch beim letzten Pisa-Test schnitten die österreichischen Schüler im internationalen Vergleich der Lesekompetenz schlecht ab. Beide Studien testen einzig die Lesekompetenz. Doch: "Die meisten Menschen können Texte viel besser lesen als schreiben", sagt Monika Kastner vom Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung der Universität Klagenfurt.

Das Gefühl, zu versagen

Wie kann das sein, in einem Land, in dem Maria Theresia 1774 die Schulpflicht eingeführt hat?"Man vergisst vieles, wenn man in einem gering qualifizierten Job nicht gefordert ist", sagt die Bildungswissenschafterin Birgit Aschemann, die sich auf Erwachsenenbildung spezialisiert hat. Andere haben das Lesen und Schreiben schon in der Schule nicht gelernt. Astrid Klopf- Kellerer, die den Basisbildungsbereich an der Volkshochschule (VHS) Floridsdorf leitet, sagt: "Dort wurden sie mit 'Nicht genügend' abgestempelt und erlebten sich als unzureichend. Später, als Erwachsene, fühlen sie sich als Versager im Vergleich zu anderen." Die dritte Säule des Analphabetismus ist die sogenannte Bildungsvererbung. "In manchen Familien gilt das Lesen als erstrebenswertes Bildungsgut", sagt Sonja Muckenhuber vom Institut für Bildungsentwicklung Linz, "in anderen nicht". So ziehen leseschwache Eltern oft leseschwache Kinder auf.

Sabine war nicht gern in der Schule, wo sie gehänselt wurde. Sie war auch nicht oft dort: In einem Haushalt mit elf Kindern brauchte die Mutter Hilfe beim Putzen. "Schularbeiten hab ich gleich wieder abgegeben", erinnert sich Sabine und malt mit dem Finger ein Kreuz in die Luft. "Und fertig war ich", sagt sie.

2011 kam der Wendepunkt. Sabine hatte einen Termin im Spital und die Tochter keine Zeit. Also konnte sie "den Zettel" nicht ausfüllen. "Da hab ich mich geniert", sagt Sabine, "und mir gesagt: 'Ich muss was machen.'" In der VHS gäbe es Kurse für alles Mögliche, hatte sie gehört. Also fuhr Sabine nach Floridsdorf. Sie ging durch eine schwere Tür in ein unscheinbares, graues Gebäude. Sie nahm die wenigen Stufen hinauf in den ersten Stock, zum schlichten Empfang. Am liebsten wäre sie gleich wieder umgedreht. Doch dann sagte man ihr, sie sei nicht alleine mit ihrem Problem. Also blieb sie. Und erfuhr zum ersten Mal, wie es ist, zu lernen. Bis zwei Uhr früh saß sie manchmal daheim und machte ihre Aufgaben. Obwohl sie vor drei Jahren den Kurs abbrechen musste - der Job in der Küche war zu zeitintensiv -, hat er sie verändert, auch persönlich. "Ich setze mich jetzt durch", sagt sie, mit geneigtem Kopf, aber bestimmt.

Analphabetismus
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Hilfe von außen

Aktuell gibt es bei den Wiener VHS 22 Basisbildungskurse für 120 Menschen, die Deutsch als Erstsprache haben. Sie alle können den Kurs machen, ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Möglich macht das die Initiative Erwachsenenbildung: ein 2012 gestartetes, bundesweites Programm zur Förderung grundlegender Kompetenzen. In die aktuelle Förderperiode bis 2021 werden 111,5 Millionen Euro fließen. Über 27.000 Menschen wird damit ein Kursplatz finanziert werden. Die Gelder dafür kommen von Bund, Ländern und dem Europäischen Sozialfonds. Die Initiative gilt international als Vorzeigemodell.

Doch sie steht vor einem Dilemma: Die Initiative erreicht kaum gebürtige Österreicher. Schon in der letzten Förderperiode waren nur 16 Prozent der Teilnehmer deutscher Erstsprache. Migranten nehmen eher an Basisbildungskursen teil, weil sie seltener negative Schulerfahrungen gemacht haben. Darum fordern Basisbildner seit Jahrzehnten eine Kampagne, die informieren soll ohne zu stigmatisieren, um auch der halben Million Österreichern Mut zu machen. Doch was dann? Schon jetzt gibt es Wartelisten auf viele Basisbildungskurse. Man hätte keinen Platz für sie, selbst wenn man sie erreichen würde.

Die Kärntner VHS probieren das dennoch. Sie setzen auf Low-Budget-Kampagnen, produzieren mit freiwilligen Darstellern Spots, die Geschichten aus dem Leben ihrer Kursteilnehmer erzählen. Etwa die von einem Mann, der sich die Hand bandagiert, bevor er zum AMS geht. Damit er eine Ausrede hat, nicht zu schreiben. "Viele haben sich mit ihren Defiziten arrangiert. Sie haben oft einen Job, ein Helfersystem", sagt Tanja Leitner, die Projektkoordinatorin der Basisbildung in der VHS Kärnten, "die müssen von uns erfahren."

Schwäche anerkennen

Hilfe bekommt Leitner dabei von Veronika Kleiner. Als Kind war Kleiner dreimal in der ersten Klasse Volksschule, später in der Sonderschule. Lesen und schreiben hat sie erst gelernt, als 2004 mit dem Tod ihrer Eltern ihr Helfersystem zusammenbrach und sie einen Basisbildungskurs begann. Heute sagt sie: "Wenn du das als Kind nicht lernst, dann giltst du als Dodl, als Depp. Du hast aber nur eine Schwäche. Das sollte man anerkennen."

Nun ist Kleiner Basisbildungsbotschafterin und teilt ihre Erfahrungen, indem sie Interviews gibt und im Fernsehen auftritt. Sie spricht mit selbstbewusster Stimme und in ihrem echten Namen: "Ich will Anderen zeigen, dass sie das in Angriff nehmen können. Dass sie keine Angst haben müssen", sagt sie. "Egal, wie alt man ist, man kann etwas machen. Und danach fühlt man sich viel besser." Heute feiert sie Teilerfolge. Etwa, wenn sie sich traut, jemandem zum Geburtstag per Whatsapp zu schreiben, statt anzurufen.

Was muss geschehen, damit in Österreich Millionen solcher Teilerfolge stattfinden können? Das Thema muss enttabuisiert werden, so sehen das Experten und Betroffene. Rainer* etwa sagt: "Ich ziehe den Hut vor jedem, der nach Hilfe fragt." Er konnte das sein Leben lang nicht. Vor Jahren begann er, einmal in der Woche heimlich in die nächstgrößere Stadt zu fahren, um einen Lese-und Schreibkurs zu besuchen. Davon weiß nicht einmal sein engster Familienkreis, mit niemandem spricht er darüber. Er hat Angst, dass er dafür ausgelacht wird, dass er als Erwachsener "in die Schule" geht.

Endlich vorlesen können

Rainers Motivation war damals, endlich seinen Kindern Gute-Nacht-Geschichten vorlesen zu können. Seine Vision ist jetzt, dass kein Jugendlicher ohne Abschluss aus der Pflichtschule kommt. "Und wenn jemand Defizite hat, dann müssen Lehrer und Psychologen eingebunden werden." Es könne doch nicht sein, dass 2018 noch immer so viele Jugendliche in Österreich nicht lesen können, meint Rainer. Doch dazu, auch das sagen die Experten unisono, müsse am Schulsystem gearbeitet werden. Weg von einem System, das aussondert, hin zu einem, das unterstützt. Indem die Klassenschüleranzahl reduziert und in Brennpunktschulen investiert wird. Indem Schüler so lange wie möglich gemeinsam unterrichtet werden. Damit nicht später repariert werden muss, was in der Schulzeit kaputtging.

"Ich bin noch nicht fertig", sagt Sabine, die Küchengehilfin. Im Juli wird sie in Pension gehen und wieder an der VHS lernen. Und noch einen Plan hat sie für den Ruhestand: Eine Flugreise nach Orlando. "Das ist mein Wunschtraum", sagt sie. Aber vorher will sie noch Englisch lernen.

*Name von der Redaktion geändert