Leben von

Karrieren ohne Handicap

Leben - Karrieren ohne Handicap © Bild: Copyright 2018 Matt Observe - all rights reserved.

Behinderte Menschen werden von der Gesellschaft häufig nur auf ihr Leiden reduziert. Dass ihre Krankheit ihnen zwar zu schaffen macht, sie aber nicht davon abhält, gesteckte Ziele zu erreichen, zeigen die Geschichten von fünf vollkommen unterschiedlichen Persönlichkeiten.

Johanna Ortmayr tanzt. Sie steht in der Mitte des aufgeheizten Übungsraumes, schließt ihre Augen und ist plötzlich ganz weit weg. Ihre Bewegungen werden fließend, sie bemerkt weder die Handvoll Tänzer hinter sich, noch hört sie die Anweisungen des Tanzlehrers links oder die Klaviermusik von rechts. Sie ist eins mit ihrer Kunst. Die Wienerin ist ein Tanzprofi, seit neun Jahren im Training und als Teil der Dance Company regelmäßig zu Auftritten unterwegs. "Johanna ist sehr talentiert beim Tanzen und vor allem sehr unkompliziert", sagt Attila Zanin, künstlerischer Leiter der Dance Company. Dass die 23-Jährige ihre Leidenschaft so ausüben kann, wie sie es macht, ist nicht selbstverständlich. Denn Johanna Ortmayr wurde mit Trisomie 21 geboren -ein Umstand, der im Alltag auffällt, beim Tanzen gar nicht. "Ich liebe es, in Bewegung zu sein", sagt sie.

© www.lukasilgner.at Johanna Ortmayr weiß genau, was sie will: tanzen.

Mehr Selbstvertrauen

Genau hier setzt der Verein Ich bin O.K., zu dem die Dance Company gehört, an. Mit dem Tanzstudio bieten sie ihren Mitgliedern derzeit insgesamt 16 Tanzkurse an: "Es sind zu 80 Prozent Menschen mit Trisomie 21, aber zu uns kommen auch Autisten und Rollstuhlfahrer", sagt Attila Zanin. Gegründet wurde Ich bin O.K. bereits 1979 und hat auch einen bildungspsychologischen Hintergrund: "Meine Mutter, Katalin Zanin, hat damals erkannt, wie hilflos sich viele Eltern von behinderten Kindern fühlen und dass man Kindern mit Auftritten auf großen oder kleinen Bühnen auch Selbstvertrauen vermitteln kann."

Dieses Credo leben er und Obfrau Hana Zanin und führen den Gedanken weiter: Wer Talent zeigt, kann vom Tanzstudio in die Dance Company wechseln und - wie Johanna Ortmayr -eine Tanzausbildung absolvieren. Der Traum der Tänzerin ist es aber, selbst Unterricht zu geben: "Am liebsten würde ich als Tanzassistentin mit fünf-oder sechsjährigen Kindern arbeiten."

Keine Einschränkung

Damit sich solche und andere Visionen behinderter Menschen erfüllen können, ist freilich noch viel Überzeugungsarbeit bei den Menschen ohne Handicap notwendig. Dabei sind Erstere gar nicht so wenige: 1,3 Millionen Menschen geben laut Mikrozensus der Statistik Austria an, dauerhaft beeinträchtigt zu sein. "Und bei 95 Prozent davon ist das von außen gar nicht zu erkennen", sagt Gregor Demblin.

© Ricardo Herrgott News Ricardo Herrgott Für Gregor Demblin änderte der gebrochene Halswirbel nicht viel an seiner Karriereplanung.

Der Unternehmensberater spricht aus eigener Erfahrung. 18 Jahre lang hatte er sich keinerlei Gedanken über irgendwelche Einschränkungen gemacht. Doch ein unglücklicher Sprung ins Meer veränderte alles. Aber auch die Lähmung vom fünften Halswirbel abwärts hat den umtriebigen Manager nicht von seiner Karriereplanung abgehalten: "Ich lasse mich nicht ausbremsen." Er habe trotzdem studiert und "die halbe Welt bereist". Die Probleme, die ihm untergekommen sind, hatten allerdings weniger mit der Bauweise von Gebäuden zu tun als mit dem Benehmen anderer Menschen: "Ich wurde komplett anders behandelt als zuvor: Ich stand zwar permanent im Mittelpunkt, aber Leistung zu bringen, wurde mir dennoch nicht zugetraut."

Diese Erfahrungen prägten Gregor Demblin so sehr, dass er den Aspekt auch in den Mittelpunkt seines Berufslebens rückte. 2009 gründete der 41-Jährige die Jobplattform Career Moves, die Arbeitssuchende mit und ohne Behinderungen mit Unternehmen zusammenbringt. Drei Jahre später kam die Unternehmensberatung Myability hinzu, die ebenfalls Jobs für Menschen mit Beeinträchtigungen vermittelt, aber auch die Unternehmen selbst zu Inklusion und Barrierefreiheit berät. "Änderungen bei der Infrastruktur lassen sich leicht organisieren, die Barrieren im Kopf sind hingegen weit schwieriger zu beseitigen. Hier gibt es irrsinnig viele Unsicherheiten", sagt Gregor Demblin. Dieses Manko hat ihm allerdings mittlerweile ein gut gehendes Unternehmen mit 16 Mitarbeitern eingebracht. "Ich rechne den Vorständen einfach vor, wie viel an Produktivität ihnen verloren geht, wenn sie auf dieses Potenzial verzichten." Und das kann bis zu 2,3 Prozent der Bruttopersonalkosten ausmachen. Außerdem, so der Manager, seien behinderte Mitarbeiter sehr loyal: "Fluktuation spielt in diesem Zusammenhang kaum eine Rolle."

Aber natürlich ist es auch so, dass sich manche Arbeitnehmer leichter als andere vermitteln lassen: "Am einfachsten funktioniert das Recruiting bei Menschen mit körperlichen Behinderungen, da gibt es relativ wenig Berührungsängste." Danach kommen sehbehinderte und gehörlose Mitarbeiter, zuletzt Menschen mit psychischen oder intellektuellen Behinderungen, worunter auch Depressive fallen. Gregor Demblin: "Über die Jahre haben wir den Unternehmen mehr als 25.000 Jobs für Menschen mit Behinderung angeboten." Es sei dabei allerdings wichtig, Recruiting aus der Wirtschaftsperspektive, nicht aus sozialen Gründen zu betrachten: "Wer heute für Barrierefreiheit sorgt, profitiert morgen selbst davon." Eine immer stärker alternde Gesellschaft muss sich eben auch auf körperliche Beeinträchtigungen -die zudem sehr häufig erst im Alter auftreten - vorbereiten.

Diesen Ansatz versucht man auch bei Rewe zu verinnerlichen. Gemeinsam mit Gregor Demblin hat das Unternehmen 2015 überprüft, wie behindertengerecht es ist, "und festgestellt, dass noch Luft nach oben ist", sagt die Disability-Managerin von Rewe, Caroline Wallner-Mikl. Also habe man gemeinsam eine Strategie entwickelt, um im ganzen Konzern "ganzheitlich -aus Mitarbeiter-genauso wie aus Kundensicht -barrierefrei zu denken".

Das Ergebnis sind barrierefreie Filialen und die Einstellung von insgesamt 550 Mitarbeitern mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen. "Wir nutzen das Potenzial von Menschen mit Behinderung und machen durchgehend positive Erfahrungen damit", so Wallner-Mikl, "wir profitieren besonders vom Engagement und der Motivation, die diese Mitarbeiter mitbringen."

Ein Zufall

Einer dieser Kollegen bei Rewe ist Manuel Bauer*. Gleich nach der Matura hatte der 43-Jährige bei einem großen Unternehmen in der Buchhaltung begonnen und sich dabei immer "etwas anders als andere" gefühlt. Der Verlust des langjährigen Arbeitsplatzes und die darauffolgende Jobsuche haben dieses Gefühl weiter verstärkt.

© Copyright 2018 Matt Observe - all rights reserved. Bei Manuel Bauer* gab es zunächtst keine Anzeichen für eine Erkrankung.

Als der Steirer vor vier Jahren "per Zufall" die Diagnose Asperger-Syndrom (eine Form von Autismus, Anm.) erhielt, war das für ihn eine Erleichterung: "Endlich wusste ich, was mit mir los ist." Nun arbeitet der ausgebildete Bilanz-und Lohnbuchhalter zwar wieder in seinem alten Bereich und macht die technische Rechnungskontrolle, allerdings in einem ganz anderen Tempo: "Ich mache einfach nicht allzu viele Sachen gleichzeitig." Nachsatz: "Aber ich habe auch Ehrgeiz, ich gebe einfach nicht auf."

Bettina Hillebrand, Geschäftsleiterin des Vereins Specialisterne Austria, der sich auf die Arbeitsplatzvermittlung von Autisten spezialisiert hat, bestätigt diese Verhaltensweisen: "Manuel Bauer macht das, was er macht, besser als andere." Autisten seien zudem "stark in den Details und supergenau". Außerdem brauchen sie "im Normalfall keinen Taschenrechner und haben ein wahnsinniges Zahlengedächtnis". Das große Problem dieser Gruppe sei jedoch, so Bettina Hillebrand, dass 80 Prozent arbeitslos seien: "Sie haben ihr Selbstbewusstsein verloren und sind außerdem sehr bescheiden."

Guter Verdienst

Zurückgezogenheit ist für Erwin Riess schon lange kein Thema mehr. Der bekannte Autor von Büchern und Theaterstücken schreibt seit 1992 und kann von seinem früheren Nebenjob gut leben.

Aber auch er ist nicht von Geburt an bewegungsunfähig, sondern hat seine Querschnittslähmung einem Rückenmarkstumor vor 35 Jahren zu verdanken: "Den Rollstuhl habe ich nach den ganzen Schmerzen als Befreiung empfunden." Vor allem habe er seine Berufswahl beschleunigt. Zwar war der frühere Verlagslektor nach seiner Erkrankung als Referent für behindertengerechtes Wohnen im Wirtschaftsministerium bereits einen Schritt in Richtung seines zukünftigen Lebens gegangen, doch erst als freier Schriftsteller ist er wirklich dort angekommen, wo er hinwollte. Nicht umsonst stellt Erwin Riess in seiner Krimiserie rund um den Herrn Groll ebenfalls einen Rollstuhlfahrer in den Mittelpunkt seiner Geschichten.

© Copyright 2018 Matt Observe - all rights reserved. Erwin Riess lebt vom Erlös seiner Bücher.

Die Entscheidung, aus dem Beamtendasein auszusteigen, hat der Wiener nie bereut: "Ich verdiene als Autor jetzt so gut, wie ich auch als Ministerialrat verdient hätte." Nachsatz: "Und ich arbeite mit 61 Jahren mehr denn je."

Erwin Riess kämpft allerdings nicht nur für sich selbst, sondern ist auch als Aktivist der "Selbstbestimmt Leben"-Bewegung sowie bei EUCREA -einem europäischen Netzwerk für Kreativität von und für Personen mit Behinderung -aktiv. "Wir haben immer noch ein Problem mit dem Zugang zum Arbeitsmarkt für behinderte Jobsuchende", sagt er. Auch die Barrierefreiheit von Gebäuden und Plätzen sowie von öffentlichen Verkehrsmitteln sei nicht so ausgebaut, wie sie es sein sollte. Und wenn jemand mit einer Behinderung geboren wird, sei bei bildungsfernen Schichten auch meist die Sonderschule die einzig mögliche Ausbildung: "Wenn das aber so ist, muss ich diese Institution weiter ausbauen." Schlussendlich wehrt sich Erwin Riess gegen die Darstellung behinderter Menschen in den meisten Medien: "Wir sind keine Hascherln und wollen auch nicht so gesehen werden." Vieles an solchen Darstellungen und Behandlungen widerspreche schlicht und einfach der UN-Menschenrechtscharta.

Bilder im Kopf

Auch für die 31-jährige Christina Paul gibt es einiges, was sie am Umgang mit behinderten Menschen verbessern würde. "Ich hasse den Ausdruck 'an den Rollstuhl gefesselt sein', vor allem deshalb, weil er meiner Lebensrealität so gar nicht entspricht."

Überhaupt finden sich ihrer Meinung nach in der medialen Berichterstattung "sehr viele Klischees, Mitleid oder auch Heldenpositionen". Sie mag auch den "negativ behafteten Ausdruck ,Behinderung'" nicht so gerne: "'Körperliche Einschränkung' trifft es doch viel besser." Um solche und andere Bilder in den Köpfen der Menschen zurechtzurücken, hat Christina Paul auch ihre gerade fertiggestellte Masterarbeit für den Lehrgang Digitales Marketing und Social Media an der FH Wien diesem Thema gewidmet.

Vieles kann sie aus erster Hand berichten. Die Studentin kann seit einem Unfall im Alter von 15 Jahren ihre Beine und Hände nicht mehr zu 100 Prozent bewegen. "Und auch wenn es komisch klingt: Ich habe damit nicht wirklich gehadert, ich war froh, dass ich überhaupt noch da bin."

Der Aufenthalt in einem Rehabilitationszentrum mit einer Gruppe anderer Querschnittsgelähmter habe ihr erst klar gemacht, dass ein Leben im Rollstuhl gar keine so schlimme Bürde sein muss: "Ich habe dort so viel positive Stimmung und Zusammenhalt erfahren, wir haben uns gegenseitig unterstützt."

© Copyright 2018 Matt Observe - all rights reserved. Christina Paul beendete soeben ihr zweites Studium und ist als PR-Expertin tätig.

Das alles hat sie danach in ihren Alltag mitgenommen. "Mein Ziel ist es, ein ganz normales Leben zu führen." Die Niederösterreicherin hat vor ihrem FH-Studium bereits ein Publizistik-Studium an der Universität Wien abgeschlossen und macht außerdem bereits seit fünf Jahren Öffentlichkeitsarbeit für die FH Krems.

Trotzdem: "In Bewerbungsschreiben würde ich meine körperliche Einschränkung nicht erwähnen", sagt die 31-Jährige: "Immerhin will ich, dass mir ein potenzieller Arbeitgeber einen Job wegen meiner Stärken und meinem Charakter anbietet und mich nicht nur deswegen abweist, weil ich im Rollstuhl sitze."

Für Christina Paul ist klar, dass eine körperliche Beeinträchtigung nicht automatisch Perspektivenlosigkeit bedeutet: "Das muss man allerdings auch leben." Doch auch die engagierte Niederösterreicherin muss zugeben, dass viele Menschen "eher weg-als hinschauen". Und das trifft keine kleine Zahl an Personen: 40.000 Menschen sind hierzulande auf einen Rollstuhl angewiesen. Dazu kommt, wie Erwin Riess weiß, dass permanentes Sitzen dem Bewegungsapparat und auch anderen Körperteilen auf Dauer nicht unbedingt guttut: "Es gibt nicht viele über 60-Jährige im Rollstuhl, bei denen bestimmte Wehwehchen nicht den Alltag immer stärker bestimmen und viele Aktivitäten verunmöglichen oder zumindest erschweren."

Beschwerden im Alter

Viele der Beeinträchtigungen sind allerdings auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen: So klagen eine Million Menschen -also 14,1 Prozent aller über 15-Jährigen -über dauerhafte Beeinträchtigungen in der Bewegung. 270.000 gaben an, unter nervlichen oder psychischen Problemen zu leiden, 216.000 haben Schwierigkeiten beim Sehen, 157.000 hören schlecht. Und 60.000 Menschen haben geistige beziehungsweise Lernprobleme, 26.000 Schwierigkeiten beim Sprechen. Und viele dieser Beschwerden treten eben erst im Pensionsalter auf.

Die Zeit bis dahin wird Gregor Demblin jedenfalls noch voll ausnutzen. Denn auch ein Leben lang im Rollstuhl sitzen muss nicht unbedingt sein. Der Unternehmensberater übt daher seit einiger Zeit mit dem sogenannten Exoskelett, einer äußeren Stützstruktur für den Organismus, die es dem Querschnittsgelähmten möglich macht, eine Bühne in aufrechter Haltung zu betreten oder sogar am "Wings for Life"-Run teilzunehmen. Nach monatelangem Training schafft es der 41-Jährige mittlerweile, rund 2.000 Schritte mit dem Exoskelett zu gehen. Für ihn ist das Ganze aber nicht nur ein Experiment, sondern auch ein Wegweiser in die Zukunft.

Mit seiner Beeinträchtigung kann Gregor Demblin jedenfalls gut leben: "Ich frage mich oft: Wäre ich auch ohne meinen Unfall so erfolgreich geworden oder bin ich durch meinen Unfall so erfolgreich geworden? Aber das kann man hinterher nicht mehr sagen." Es ist einfach so.

*Name von der Redaktion geändert

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der Printausgabe von News (28/2018) erschienen.