Lateinamerika in verschiedenen Rot-Tönen:
Unterschiede des linken Parteienspektrums

Subkontinent in letzten Jahren nach links gerückt Gusenbauer trifft Vertreter des "Socialismo light"

Rot ist nicht gleich rot, im politischen Farbenspektrum Lateinamerikas zumindest. Zwar ist ein Großteil des Subkontinents in den vergangenen Jahren sukzessive nach links gerückt, doch sind die Schattierungen durchaus unterschiedlich. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer wird im Vorfeld des Lateinamerika-Gipfels (13.-17. Mai) in Lima Vertreter des "Socialismo light" treffen.

Auf der einen Seite gibt es - etwas überspitzt gesagt - die blutroten Hardliner Hugo Chavez (Venezuela), Evo Morales (Bolivien) oder die Castro-Brüder auf Kuba und Daniel Ortega in Nicaragua. Wobei Chavez und Morales auch noch gezielt die indigene Note ins Spiel bringen. Auf der anderen Seite stehen die "blaßroten" Pragmatiker: Luiz Inacio Lula da Silva (Brasilien), Michelle Bachelet (Chile) und Uruguays Präsident Tabare Vazquez. Auch die argentinische Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner wird gemeinhin in das Mitte-Links-Spektrum eingeordnet.

Pragmatiker und Hardliner
Die Beziehungen der linken "Pragmatiker" zu den "Hardlinern" sind von äußerster Vorsicht geprägt. Zwar lassen sie Chavez und Morales gewähren und ein wenig profitieren sie auch vom "revolutionären" Geist, der über Lateinamerika zu schweben scheint. Sobald es aber vor allem Chavez mit seinem "Bolivarischen Modell" zu bunt treibt, gehen sie auf Distanz.

Konfrontationskurs mit USA
Im Grunde wollen sie nämlich gar keinen Umsturz herbeiführen, vielmehr geht es ihnen darum, die klassischen Probleme des Subkontinents wie Sozialkonflikte und Verarmung eines beträchtlichen Teils der Gesellschaft in den Griff zu bekommen. Außerdem liegt es ihnen trotz aller Skepsis fern, auf einen Konfrontationskurs mit den USA zu gehen.

Treffen mit Kirchner
Gusenbauer wird auf seinem Lateinamerika-Tripp zuerst Cristina Fernandez de Kirchner besuchen. Die frühere First Lady war Ende des Vorjahres ins höchste Staatsamt gewechselt. Dieses blieb in der Familie: Der bisherige Präsident Nestor Kirchner übergab das Zepter an seine Frau. Nestor Kirchner erklärte, er hinterlasse ein Land, das sich von der Krise in den Jahren 2001 bis 2002 gut erholt habe. Tatsächlich hatte Kirchner die hundert Milliarden US-Dollar Schulden des Landes neu verhandelt und damit eine wirtschaftliche Blüte eingeleitet, die dem Land in den vergangenen Jahren ein Wachstum von über acht Prozent bescherte.

Inflation und Arbeitslosigkeit
Dennoch gibt es noch einige Probleme zu bewältigen. Die Inflation bewegt sich ebenso wie die Arbeitslosigkeit in Bereichen knapp unter zehn Prozent. Obwohl Kircher ihren politischen Ursprung im populistischen Peronismus hat, wird sie von Gusenbauers außenpolitischem Berater, Bernhard Wrabetz, auch jenen Kräften in Lateinamerika zugeordnet, die sich "stark an der sozialdemokratischen Politik" orientieren und soziale Fragen mit Marktwirtschaft und Pragmatismus kombinieren.

Treffen mit Bachelet
Fernandez de Kirchner ist nach der chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet das zweite weibliche Staatsoberhaupt in Südamerika. Bachelet steht ebenfalls auf der Besuchsliste des Kanzlers. Die Kinderärztin, Ex-Gesundheits- sowie Ex-Verteidigungsministerin ist seit 11. März 2006 die erste Präsidentin Chiles. Sie gehört einem Mitte-Links-Bündnis von Christdemokraten und Sozialisten an und gilt als wirtschaftsliberal.

Bachelets Wahl hatte aber auch Symbolkraft: Ihr Vater war ein Luftwaffengeneral, der beim Putsch von 1973 Präsident Salvador Allende loyal blieb und von Angehörigen des Pinochet-Regimes gefoltert wurde. In Folge erlag Alberto Bachelet einem Herzinfarkt. Michelle und ihre Mutter flohen in die DDR, wo sie studierte. 1979 kehrte sie noch zu Zeiten des Pinochet-Regimes in ihre Heimat zurück und trat der Sozialistischen Partei bei. Heute spricht Bachelet von Wiederbegegnung ("Reencuentro"). Von Versöhnung will sie aber noch nicht sprechen. Dafür sei es für viele Betroffene zu früh, meint sie.

Gusenbauer in Brasilien
Zuvor wird Gusenbauer noch in Brasilien mit Präsident Luiz Inacio Lula da Silva zusammentreffen. Ihm hat Bundespräsident Heinz Fischer 2005 einen Staatsbesuch abgestattet. Aus armen Verhältnissen stammend, musste er bereits mit 12 Jahren zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Seit 1966 arbeitete er in der Metallindustrie. Später war er führendes Gewerkschaftsmitglied. Lula ließ die Metaller während des Militärregimes von 1964-85 mehrmals streiken und saß im Gefängnis.

1980 gründete Lula die Arbeiterpartei. 1986 später wurde er Parlamentsabgeordneter und gestaltete die neue Verfassung des lateinamerikanischen Staates mit. 2002 wurde er Präsident. Im Jahr 2005 stürzte eine Korruptionsaffäre die Arbeiterpartei und Lula selbst als Hoffnungsträger der Linken in eine Krise. Dennoch wurde er 2006 im Amt bestätigt. Wohl auch, weil er allen Problemen zum Trotz, Maßnahmen zur "sozialen Kohäsion" des Landes setzte, wie Wrabetz im Vorfeld der Reise meinte: "Erstmals gab es in Brasilien eine Regierung, die auch als Verteilungsinstrument fungierte."

(apa/red)