Lateinamerika: Deutscher Papst als "Mann mit großen intellektuellen Fähigkeiten"

Kircheninterne "Fundis" in die Schranken gewiesen Soziologe wünscht sich Enzyklika zu sozialem Thema

Lateinamerika ist nach dem ersten Jahr von Benedikt XVI. auf dem Heiligen Stuhl positiv überrascht von dem Papst aus Deutschland. Während vor einem Jahr nach seiner Wahl zunächst eher skeptische Stimmen vorherrschten, hat sich das Bild inzwischen erheblich gewandelt. Als einen "Mann mit großen intellektuellen Fähigkeiten" lobte ihn der Vizepräsident der venezolanischen Episkopalkonferenz, Bischof Roberto Luckert. Vor allem die im Januar veröffentlichte erste Enzyklika des neuen Papstes, "Deus caritas est" (Gott ist Liebe), stieß auf positive Resonanz.

Die Enzyklika sei Ausdruck "eines sehr soliden, klaren und in sich stimmigen Doktrin", sagte Luckert der Nachrichtenagentur dpa. Unter Benedikt XVI. "wissen die Christen die Kirche unter der Führung des heiligen Geistes", betonte der Bischof.

Benedikt der XVI. habe auch die "schwierige Aufgabe" mit "großer Weisheit" gemeistert, die Nachfolge von Johannes Paul II. anzutreten, meint Jaime Antúnez, Chefredakteur der chilenischen Zeitschrift "Humanistas", die von der Universidad Católica de Chile herausgegeben wird. "Mit herausragender Bescheidenheit hat er sich immer an dem unvergesslichen und großen polnischen Papst (Johannes Paul II.) orientiert", betonte, Antúnez.

Andere Kirchenexperten sprachen sogar von einem "Seufzer der Erleichterung" bei manchen Priestern, die unter Johannes Paul II. besonders gelitten hätten. Benedikt habe sich auch für ein besseres Verständnis mit dem Islam stark gemacht, die Beziehungen zu Peking verbessert und kircheninterne Fundamentalisten in die Schranken verwiesen.

Der chilenische Jesuitenpater Antonio Delfau, der die Zeitung "Mensaje" herausgibt, hebt die Originalität und Unabhängigkeit Ratzingers hervor. "Er hat der Kirche seinen eigenen Stempel aufgedrückt. Viele sind angenehm überrascht", betonte Delfau. Der mexikanische Soziologe und Kirchenexperte Roberto Blancarte äußerte sich allerdings enttäuscht darüber, dass der Papst bisher nur eine Enzyklika vorgelegt habe, die zudem keine sozialen Themen betreffe. Zudem vergebe er zu viele der leitenden Kirchenämter an Europäer.
(apa/red)