Leitartikel von

Lasst uns alle
unseren Job machen

Neue Regierung, neue Medienpolitik. So weit, so gut. Was derzeit abläuft, ist befremdlich

Leitartikel - Lasst uns alle
unseren Job machen © Bild: Matt Observe

Ärgern Sie sich auch manchmal darüber, dass Journalisten im TV-Interview Befragte unterbrechen? Das kommt mitunter vor, aber grundsätzlich macht der Journalist bloß seinen Job. Auf gut Deutsch: Wenn Politiker mit vorgefertigten Worthülsen konkrete Fragen nicht und nicht beantworten wollen, muss ein guter Journalist dazwischenfragen. Einer davon ist Armin Wolf, Starmoderator der Zib2. Man kann seine Fragetechnik mögen oder nicht, der Mann macht seinen Job, und meistens ziemlich gut.

Jetzt ist eine Fotomontage eines ORF-Werbesujets mit dem Konterfei von Wolf und dem Spruch "Es gibt einen Ort, an dem Lügen zu Nachrichten werden. Das ist der ORF" auf Facebook kursiert, die der echten ORF-Werbung zum Verwechseln ähnlich ist und gegen die Wolf nun rechtlich vorgeht. Zu Recht. Da sind offensichtlich die "Faschingsdienstagsdämme" gebrochen, wenn der Vizekanzler die Fake-Werbung mit dem Zusatz "Satire" und einem Smiley postet. Strache hat sich zwar entschuldigt, dennoch: Weiß er, was er damit anrichtet?


Erstens wird dadurch ein Unternehmen, das öffentlich-rechtlichen Journalismus betreibt, mutwillig diskreditiert. Zweitens wird Journalismus insgesamt wie in Donald Trumps besten Zeiten angegriffen. Drittens sollte man sich fragen, warum sich die Regierungsparteien, insbesondere die FPÖ, am ORF derart reiben. Ist das jetzt das Zurückschlagen, weil man endlich an der Macht ist? Könnte man eleganter machen. Egal ob in Deutschland, Frankreich, Italien. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben Regierungsparteien gerne das Heft in der Hand.

So weit also nichts Neues. Dass Journalisten öffentlich geradezu an den Pranger gestellt werden, ist eine neue Qualität der Kritik. Zweifellos ist die FPÖ nicht grundlos verärgert. Der ORF-Tirol sendete den judenfeindlichen Kommentar eines alten Herren im Gespräch mit dem FPÖ-Spitzenkandidaten und schnitt die Zurückweisung des Politikers einfach weg. Das geht gar nicht.

Sebastian Kurz hat dazu aufgerufen, die Emotionen runterzufahren. Eines muss sich der Kanzler aber trotzdem fragen lassen: Wozu braucht seine Regierung 50 Pressesprecher? Auch das ist kein schönes Zeichen. Informationen gefiltert und kontrolliert zu geben, haben eh auch schon immer alle Politiker, egal welcher Couleur, gerne gemacht. Derzeit aber scheint der Kontrollwind ungleich schärfer und eine neue Kultur der Angst vor Fehlern einzusetzen. Wir machen alle Fehler, weil wir keine Maschinen sind. Journalismus zu diskreditieren, ist gefährlich. Wir können nur eines tun: uns wehren -durch gute Recherche, durch gute Fragen, durch penible Vorbereitung, alles Ingredienzien, aus denen übrigens Armin Wolf schöpft.

Es ist richtig und wichtig, dass Medien die Grundsätze des guten Journalismus leben. Alle als inkompetent und befangen zu diskreditieren, die einem nicht nach dem Mund schreiben oder reden, das hat mit demokratischem Medienverständnis nichts zu tun. Und darf in Österreich keinen Platz haben. Dafür sollten Kanzler und Vizekanzler klare Worte finden. Überhaupt: Klare Worte wären in Zeiten wie diesen öfter angesagt. Dann bräuchten wir Journalisten auch nicht so viel nachzufragen.

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