Langer Vorlauf zur Verhaftung: Karadzic monatelang von 50 Beamten observiert

In der Wohnung waren Unterlagen des Generalstabs Ankläger überlegen Gerichtsverfahren in Sarajevo <br>PLUS: War Karadzic selbst oder ein Double in Wien?

Langer Vorlauf zur Verhaftung: Karadzic monatelang von 50 Beamten observiert © Bild: EPA/VEJNOVIC

Der Verhaftung des ehemaligen serbischen Präsidenten Radovan Karadzic, dürften aufwändige Observierungsarbeiten vorausgegangen sein. Nach offiziellen Angaben wurde er gut zwei Monate lang von mehr als 50 Mitarbeitern des serbischen Nachrichtendienstes BIA beobachtet, berichtete die Belgrader Tageszeitung "Press". Über den genauen Hergang bei der Verhaftung gibt es unterschiedliche Angaben.

Die BIA-Mitarbeiter seien zufällig nach einem anonymen Telefonanruf beim Notdienst der Polizei auf "Dr. Dragan Dabic" gestoßen. Eine darauffolgende Routinekontrolle habe ergeben, dass "Dabic" in Wirklichkeit der mutmaßliche Kriegsverbrecher Karadzic sein könnte. Das größte Problem soll laut dem nicht namentlich genannten Polizeifunktionär gewesen sein, die Identität des vermeintlichen Karadzic noch vor der Festnahme zu bestätigen.

Prozess in Sarajevo?
Der frühere Ankläger des Haager UNO-Kriegsverbrechertribunals, Geoffrey Nice, sieht keinen Grund, das Gerichtsverfahren gegen Karadzic nicht auch vor einem Gericht in Sarajevo zu führen. "Die Opfer könnten die Vorführung von Beweisen in ihrer Muttersprache verfolgen, ihm ins Gesicht blicken, die Öffentlichkeit und Medien würden alles verfolgen und prompt reagieren. Die Beweise würden im Gerichtssaal nicht durch das Übersetzungsverfahren 'gefiltert' werden...", sagte Nice gegenüber der bosnischen Tageszeitung "Dnevni avaz". Der Ex-Ankläger im Verfahren gegen den ehemaligen jugoslawischen und serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic glaubt auch, dass die Suche nach Beweisen aufgrund der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit zwischen Sarajevo und Belgrad fruchtbarer sein könnte.

Keine Informationen über Berufung
Die Belgrader Justizbehörden konnten indes zunächst nicht bestätigen, ob der ehemalige Präsident der bosnischen Republika Srpska gegen den Beschluss eines serbischen Gerichts, ihn an das UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) zu überstellen, berufen habe. Sein Anwalt Svetozar Vujacic sagte unterdessen gegenüber Medien, dass er dem Sondergericht für Kriegsverbrechen auch keine Beweise dafür vorlegen werde. Entsprechend dem Gesetz sei er dazu nicht verpflichtet, so der Anwalt. Vujacic wollte auch nicht die Möglichkeit ausschließen, dass von außerhalb Serbiens Berufung eingelegt worden sei.

Generalstabs-Unterlagen in Wohnung
Bei der Durchsuchung der Belgrader Wohnung, in der Radovan Karadzic vor seiner Festnahme gewohnt hatte, hat die Polizei auch fotokopierte Unterlagen des einstigen Generalstabs der Truppen der bosnischen Serben sichergestellt. Innenminister Ivica Dacic erklärte bei einer Sitzung des parlamentarischen Sicherheitsausschusses, dass von Polizisten auch Manuskripte, Planer und Fotografien gesichert worden seien.

Der serbische Innenminister unterstrich erneut, dass die Polizei an der Fahndung und Festnahme Karadzic' nicht beteiligt gewesen sei. Die Durchsuchung der Wohnung im Stadtviertel Neu-Belgrad erfolgte gemäß Dacic auf Antrag des Ermittlungsrichters Milan Dilparic, welcher Karadzic nach seiner Festnahme auch einvernommen hatte.

Karadzic wollte umziehen
Nach offiziellen Angaben wurde Karadzic am vergangenen Montagabend bei einem Versuch festgenommen, die Wohnadresse zu wechseln. Der Haager Angeklagte und sein Anwalt behaupten jedoch weiterhin, dass die Festnahme bereits am Freitag zuvor erfolgt sei und Karadzic bis Montagabend an einem unbekannten Ort festgehalten worden sei.
(apa/red)