Lage im Kongo wird immer dramatischer:
Rebellen erreichen Provinzhauptstadt Goma

Heftige Kämpfe versetzen Menschenmassen in Panik Regierungstruppen flüchten aus bestetzter Hauptstadt

Lage im Kongo wird immer dramatischer:
Rebellen erreichen Provinzhauptstadt Goma © Bild: AP/Prinsloo

Die Lage im Ostkongo wird immer dramatischer. Erste Truppen des Rebellengenerals Laurent Nkunda hätten die Provinzhauptstadt Goma erreicht, sagte eine Sprecherin der Hilfsorganisation World Vision. In der Stadt werde heftig gekämpft, unter den Menschen herrsche Panik. Alle versuchten, Goma so schnell wie möglich zu verlassen. Die UNO habe alle Hilfsorganisationen aufgefordert, ihr Personal unverzüglich aus Goma zu evakuieren.

Am vierten Tag ihrer Offensive waren die Tutsi-Rebellen des abtrünnigen Generals Nkunda weiter in Richtung der Provinzhauptstadt Goma vorgerückt. Es kam zu heftigen Gefechten. Auf einer der zwei Hauptzufahrtsstraßen war Artilleriefeuer zu hören sowie das Rattern von Sturmgewehren. Granaten schlugen ein und Rauch stieg auf. Ein UN-Kampfhubschrauber kreiste in der Luft.

EU-Kommissar in Kinshasa
Wegen der Eskalation der Kämpfe im Kongo flog EU-Entwicklungshilfekommissar Louis Michel nach Kinshasa. Michel werde mit Präsident Joseph Kabila und anderen Regierungsmitgliedern über die schwierige Lage im Osten des Lanes sprechen, teilte die Kommission am Mittwoch in Brüssel mit. Zudem werde der Kommissar das EU-Hilfsprogramm für den Kongo unterzeichnen, das für die Jahre 2008 bis 2015 mehr als 500 Millionen Euro umfasst.

Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana rief unterdessen die Konfliktparteien im Ostkongo zur Zurückhaltung auf, "insbesondere die CNDP", eine Rebellengruppe, die auf die Stadt Goma zumarschierte. "Wieder ist die Zivilbevölkerung am stärksten von der Gewalt betroffen", kritisierte Solana in einer Pressemitteilung. Der EU-Chefdiplomat stehe in ständigem Kontakt mit dem kongolesischen Präsidenten Kabila und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, teilte sein Büro mit.

Ban Ki-moon: "Lage Besorgnis erregend"
UN-Generalsekretär Ban rief zu einem Ende der Kämpfe auf. "Die Lage in Goma ist Besorgnis erregend", sagte Ban am Rande einer Flüchtlingskonferenz in der philippinischen Hauptstadt Manila. Er sei "zutiefst besorgt" über die zivilen Opfer und die zunehmende Zahl von Flüchtlingen im Osten des Kongos.

Am Dienstag waren Tausende Menschen vor der Gewalt in Kibumba in Richtung Goma geflohen. Die Kämpfe zwischen der CNDP (Congrès national pour la défense du Peuple/Nationalkongress für die Verteidigung des Volkes) und den Regierungstruppen waren bereits Ende August wieder aufgeflammt. Anfang des Jahres hatten sich beiden Seiten bei einer Friedenskonferenz in Goma auf ein Waffenstillstandsabkommen geeinigt.

UN-Friedenstruppe "auf das Äußerste beansprucht"
Der Chef der UN-Friedenstruppe MONUC, Alan Doss, erklärte, seine 17.000 Soldaten würden "bis auf das Äußerste beansprucht". "Ich hoffe natürlich, dass wir so bald wie möglich zusätzliche Unterstützung bekommen, so dass wir diesen Prozess wieder in die richtige Bahn lenken können", sagte er auf einer Videokonferenz mit Journalisten.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bereitet sich in seinem Auffanglager zehn Kilometer nördlich von Goma derweil auf die Ankunft von rund 30.000 Flüchtlingen vor.

Flüchtlinge dem Hungertod nahe
Vor den humanitären Folgen der Kämpfe warnt die Caritas. "Schon jetzt ist es nicht mehr möglich, Hilfe zu Tausenden von Menschen zu bringen, die aus den Kampfgebieten Richtung Goma und Butembo fliehen. Den Flüchtlingen fehlt es an allem, was zum Überleben nötig ist, vor allem Nahrung und Trinkwasser. Manche Flüchtlinge sind dem Hungertod nah", erklärte die Hilfsorganisation. Sie versucht derzeit, für 90.000 Menschen in Goma und Butembo das Überleben zu sichern.

Nkundas Gefolgsleute beschuldigen die kongolesische Armee, mit Hutu-Milizen aus Ruanda zusammenzuarbeiten, die für den Völkermord in dem Nachbarland 1994 verantwortlich seien. Seit dem Zusammenbruch eines Friedensabkommens im August haben in der ostkongolesischen Provinz Nord-Kivu etwa 250.000 Menschen ihre Heimat verlassen. Kämpfe in den vergangenen beiden Jahren hatten nach UN-Angaben bereits rund 850.000 Menschen vertrieben.

Das ruandesische Außenministerium warf dem Kongo Grenzverletzungen vor. Regierungstruppen hätten im Kampf gegen die Rebellen auch über die gemeinsame Grenze geschossen, sagte Außenministerin Rosemary Museminali der Nachrichtenagentur Reuters.

Die UN-Truppe soll verhindern, dass das Land zurück in einen Bürgerkrieg rutscht. Während des von 1998 bis 2003 andauernden Konflikts im Kongo und an seinen Folgen starben etwa 5,4 Millionen Menschen.

Regierungstruppen flüchten aus Goma
Bei den Gefechten in der ostkongolesischen Provinz Nord-Kivu haben die Regierungstruppen offenbar die Provinzhauptstadt Goma aufgegeben. Nach Informationen aus Militärkreisen flohen regierungstreue Einheiten vor den heranrückenden Rebellen des abtrünnigen Generals Laurent Nkunda aus der Stadt.

(apa/red)