Kritik von

Ereignishaftes Musiktheater

Peter Konwitschny inszeniert Verdis „La Traviata“ im Theater an der Wien

La Traviata im Theater an der Wien © Bild: Werner Kmetitsch

Regisseure, die das Wesentliche, die Essenz eines Werks aus der Musik generieren, sind rar im gegenwärtigen Opernbetrieb. Eines aber sind sie, die Retter des Musiktheaters wie Peter Konwitschny. Er zeigte anno 2011 in Graz seine Inszenierung von Verdis „La Traviata“. Für das Theater an der Wien hat er die Geschichte der „Kameliendame“ neu einstudiert. Das Ergebnis: Was vor drei Jahren unübertrefflich schien, hat nun noch mehr an Schärfe und Tiefe gewonnen.

Der Dirigentensohn, ein Meister des oft diskutierten sogenannten Regietheaters, ist kein pseudopsychologischer Deuter, kein Verrätsler, sondern ein Erklärer. Er zeigt das Werk in zwei Stunden ohne Pause, wirft Ballast ab, denn Ballett und Karnevalszug sind dankenswerterweise gestrichen. Rote Vorhänge, ein Sessel und ein paar Bücher auf Johannes Leiackers ständig präzise beleuchteter Bühne sind genug, um die wie nach Millimeterarbeit fein ausgearbeitete, kluge Personenführung wirken zu lassen.

La Traviata im Theater an der Wien
© Werner Kmetitsch

Marlis Petersen, begeisterte bereits als Konwitschnys Violetta in Graz, ist in jeder Hinsicht ein Ereignis. Ihr klarer, höhensicherer Sopran leuchtet in allen Farben. Darstellerisch liefert sie bestes Schauspiel, gleich, ob sie in rotem Seidenkleid mit schwarzer Perücke das Party-Girl gibt, in schweren Stiefeln, kariertem Hemd leger die Lady vom Land oder in schlichtem Schwarz vom Leben Abschied nimmt. Und das Faszinierende dabei ist, wie szenische Umsetzung und Musik ineinander verschmelzen. Je nach Beschaffenheit der Partitur wird agiert, auch von jedem einzelnen Choristen des vorzüglichen Arnold-Schönberg-Chors. Das oft bis zur Banalität ausgewalzte „Brindisi“ im ersten Akt wird hier zu einer Art Introitus eines Totentanzes, als das er am Ende auch entfesselt wird.

Atemberaubend-beklemmend führt Konwitschny das einsame Sterben der Violetta vor. Ihr Liebhaber Alfredo verfügt sich zum übrigen Personal in den Saal und sie geht ab, ins Schwarze, ins Unbekannte. Grandios!

La Traviata im Theater an der Wien
© Werner Kmetitsch

Gesungen wird vorzüglich, vor allem vom ausdrucksstarken Arturo Chacón-Cruz (Alfredo), der unter der Führung Konwitschnys Führung auch darstellerisch Außerordentliches zu bieten hat. Roberto Frontali (Germont) gefällt. Gaia Petrone (Annina) und Igor Bakan (Dottore Grenvil) würde man gern bald in größeren Partien sehen.

Dirigentin Sian Edwards und das ORF RSO setzen Verdis Partitur in prächtigsten Farben um.. Edwards zeigt, was sie für ein Gespür für Sänger und Szenisches hat. Flirrende Momente, die den Schmerz ausdrücken, schräge Klänge, wenn danach Bedarf ist, und Ausbrüche in aller Härte vervollkommnen die Aufführung zu einem Stück Musiktheater auf höchster Höhe.

Weitere Vorstellungen: am 3., 6., 9. und 11. Juli im Theater an der Wien.
www.theater-wien.at

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