"L'Equipe"-Interview mit Staatsanwalt Santoriello: "Sehr schlimme Affäre!"

Die wichtigsten Passagen aus dem Interview der französischen Sport-Tageszeitung "L'Equipe" mit dem Staatsanwalt von Pinerolo, Ciro Santoriello, zur Doping-Affäre um Österreichs Langlauf- und Biathlon-Team bei den XX. Winterspielen in Turin:

... zum Stand der Ermittlungen: "Es handelt sich nicht um eine kleine Geschichte. Es ist eine sehr schlimme Affäre. Mit Raffaele Guariniello, dem Staatsanwalt von Turin, arbeiten wir intensiv an diesem Fall. Und diese österreichische Geschichte ist ein Skandal."

... zur Kooperation mit Österreich: "Die Zusammenarbeit mit der österreichischen Justiz ist schwierig. Es gibt viele sprachliche Schwierigkeiten - und vor allem den Umstand, dass es in Österreich im Gegensatz zu Italien kein Anti-Doping-Gesetz gibt, das ein solches Vergehen bestraft. Demnach ist Walter Mayer in Österreich unschuldig. Aber es gibt in meinen Augen noch Schockierenderes. Die fehlende Kooperationsbereitschaft des Österreichischen Skiverbandes ist frappant. Dieser Verband tut alles, damit man nicht weiterkommt. Ein Sportverband müsste normalerweise die Ethik fördern. Ich bin von diesem Verhalten überrascht und enttäuscht!"

... zur Beschlagnahmung von Blutkonserven in den ÖSV-Unterkünften: "Ja, ich kann das voll und ganz bestätigen. Wenn ich ehrlich bin, haben wir nicht gedacht, bei den Durchsuchungen so viele interessante Dinge zu finden. Auch Behälter mit Blut, die insgesamt drei oder vier Liter enthielten, wurden entdeckt. Dies lässt nichts Gutes für die österreichischen Athleten erwarten. Wir hoffen, die Ergebnisse der Analysen Anfang Mai zu erhalten. Aber diese Blutkonserven gefunden zu haben, ist von kapitaler Bedeutung. Es besteht ein starker Verdacht von Bluttransfusionen, die bei diesen österreichischen Athleten durchgeführt wurden."

... zu den negativen Urinproben der zehn ÖSV-Langläufer und -Biathleten: "Die Tatsache, dass die Urinproben negativ sind, bedeutet nicht, dass sie sauber sind. Es ist das Blut, das zählt. Es sind nicht nur diese Blutkonserven, die wir gefunden haben (...). Bei den Hausdurchsuchungen wurden auch Spritzen und Medikamente in einer unglaublichen, beeindruckenden Menge aufgefunden. Selbst der ÖSV-Präsident hat eingeräumt, dass es zu viele waren. Wir haben keine verbotenen Medikamente gefunden. Das wäre zu schön gewesen. Man durfte nicht träumen. Aber der Verdacht auf einen Medikamentenmissbrauch ist sehr stark."

... zur Einvernahme der betroffenen Athleten: "Diese Leute blieben schweigsam. Sie wussten von nichts (...). Wir haben dennoch eine Person, die sich selbst angezeigt hat. Ein Mann, der für die Athleten kochte und ihr Fahrer war. Ein gewisser 'Doktor Bauch'. Das ist der Spitzname, den die österreichischen Biathleten und Langläufer ihm gaben. Er sagte, dass alle Medikamente, die wir gefunden haben, für ihn bestimmt gewesen wären. Weil er krank war, weil ihm übel war und er Kopfweh hatte. Er wollte auf diese Weise die Athleten schützen."

... zur Rolle von Walter Mayer: "Bezüglich Walter Mayer, der niemals bei den Spielen hätte sein dürfen, zumal er für zwei Winterspiele gesperrt worden ist, haben alle Leute der österreichischen Delegation, die wir verhört haben, geschworen, dass sie ihn niemals in Sestriere, San Sicario und Pragelato gesehen haben. Wobei er ganz gewiss dort war. Aber niemand hat ihn gesehen! Und am Vormittag des besagten Samstags (18. Februar, Anm.) haben der ÖSV-Präsident und Walter Mayer per Handy miteinander telefoniert. Wir besitzen Dokumente, die dies beweisen."

... zur Rolle des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV): "Wir wissen auch, dass der Österreichische Skiverband Mayer geholfen hat, zu den Spielen zu kommen. Allerdings ist es klar, dass Mayer nicht als einziger in diese Geschichte verwickelt ist. (...) Es gab auch andere Personen, die auf dem Laufenden waren, Athleten, Mitglieder der Mannschaft, des Verbands. Wir sind überzeugt, dass es sich um ein organisiertes System handelte. Hochgefährlich für die Athleten. Wir haben es nicht mit einem Mann zu tun, der seine Dinge geheim machte. Nein."

... zum etwaigen Prozessbeginn und den Folgen: "Ich hoffe in sechs bis sieben Monaten (Prozessbeginn, Anm.). Ich glaube, es wird Verurteilte geben. Walter Mayer könnte, sollte verurteilt werden. Aber er wird wohl nicht ins Gefängnis kommen. Denn wenn man in Italien zum ersten Mal verurteilt wird, zu vier Monaten zum Beispiel, wird die Strafe nicht unbedingt ausgesprochen. Beim zweiten Vergehen dagegen kommt man hinter Gitter." (apa)