Ist es eine Schande, sein Kind abzugeben?

Sebastian Kurz lässt mit einer Aussage stets die Wogen hoch gehen. Was impliziert sie?

„Es ist keine Schande, sein Kind in die zur Betreuung geöffneten Schulen oder Kindergärten zu geben“, beteuerte Bundeskanzler Sebastian Kurz in den letzten Tagen und Wochen mehrmals – und wollte damit Eltern entgegenkommen. Der Schuss ging aber nach hinten los, für die Aussage erntete er große Aufregung und herbe Kritik. Doch was sagt sie eigentlich aus – und wie hätte Kurz tatsächlich Entgegenkommen signalisieren können? Kommunikationsexperte Thomas W. Albrecht gibt Antworten.

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Sebastian Kurz © Bild: APA/Fohringer

„Es ist keine Schande, wenn man es in der Wohnung mit der Familie nicht mehr aushält und tageweise Betreuung für die Kinder in Anspruch nimmt“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz Anfang April das erste Mal einer Pressekonferenz, in der der weiteren Fahrplan der Corona-Maßnahmen bekannt gegeben wurde – auch die Verlängerung der für viele Familien schwierigen Ausgangsbeschränkungen und Schulschließungen.

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Die Wogen gingen hoch, die Erleichterung, die Kurz vermutlich mit dem Satz bei Eltern auslösen wollte, stellte sich nicht ein. Die Aussage und ihre Bedeutung zeuge von „großer Ignoranz gegenüber Bedürfnissen von Kleinkindern und ihren Familien“, lautet etwa ein Kommentar auf derstandard.at. Auch auf Twitter setzte bei vielen Usern die Schnappatmung ein.

»Die meisten Menschen hören immer zunächst, was nicht sein soll – in dem Fall also eine Schande«

Doch was impliziert die Aussage eigentlich, dass sie so viele (negative) Emotionen auslöst? „Es ist immer ein Problem von negativen Aussagen, wenn man etwas formuliert, was so nicht ist“, analysiert Kommunikationsexperte Thomas W. Albrecht, der Kurz‘ Rhetorik ein ganzes Buch gewidmet hat. Denn konkret bei diesem Beispiel „kommt das Wort Schande zuerst in den Vordergrund – und soll durch ‚keine‘ verdrängt werden.“ Doch die meisten Menschen „hören immer zunächst, was nicht sein soll – in dem Fall also eine Schande“, so Albrecht im Gespräch mit News.at. Und Schande sei ein starkes, hartes Wort, wo der Verlust von Ansehen, von Ehre mitschwinge, ein Wort, das man im normalen Umgang miteinander kaum verwende „außer man ist wirklich sehr böse aufeinander.“

"...weil ihnen der Sebastian Kurz indirekt vorwirft: Ihr seid nicht gut genug"

Und auch ein Wort, dass bei vielen Menschen einen Glaubenssatz triggere, nämlich: „Ich bin nicht gut genug.“ Das sei etwas, das in der Erziehung oder der Schule immer wieder vorkomme; gesagt zu bekommen, man sei nicht gut genug. Und jetzt komme quasi schon wieder jemand, der dies sage. Diese Wahrnehmung passiere natürlich, so Albrecht, unbewusst, aber es führe eben dazu, dass sich Menschen aufregen, „weil ihnen der Sebastian Kurz indirekt vorwirft: Ihr seid nicht gut genug, ihr Mütter, wenn ihr mit den Kindern nicht zurecht kommt.“

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"Wie wenn es ihm plötzlich eingefallen wäre"

Absicht sei das, so glaubt Albrecht jedoch, keine gewesen, vielmehr kam die Aussage für ihn sogar überraschend, da sie in dem Moment gar nicht in den Kontext gepasst habe. „Er hat ja eigentlich über ganz andere Themen gesprochen in der Situation. Das klang ein bisschen wie wenn er die Verhaltensmaßnahmen, die davor artikuliert wurden, abschwächen wollte.“ Außerdem seien Kurz‘ Formulierungen normalerweise sehr präzise und sehr gut durchdacht „und das war sehr spontan. Wie wenn es ihm plötzlich eingefallen wäre und er einen guten Dienst erweisen hätte wollen – aber es ging eben nach hinten los.“

Die bessere Wortwahl

Besser gelungen wäre dies für Albrecht vermutlich mit Worten wie: „Liebe Bürgerinnen und Bürger, wenn Sie Zeit für sich brauchen, bringen Sie ihre Kinder gerne in die Schule.“ Das wäre für Albrecht etwa ein gutes Statement gewesen, auch wenn hier natürlich die Möglichkeit bestanden hätte, dass dann tatsächlich mehr Eltern das Angebot auch angenommen hätten: „Das stimmt, es ist natürlich sehr freundlich formuliert.“

"Feinheiten der Formulierung in den Hintergrund gerückt"

Sebastian Kurz sorgt aber auch immer wieder mit einer anderen Formulierung für Kritik, nämlich für seine Ansprache der Bevölkerung, die er stets mit „Sehr geehrte Österreicherinnen und Österreicher“ begrüßt – und damit alle anderen Menschen, die in diesem Land leben ausschließt. Doch auch wenn Albrecht findet, dass eine Variation sicherlich eine gute Idee wäre, glaubt er nicht daran, dass dieser Ausschluss bewusst passiere. „Ich glaube, dass er so viel zu tun hat, dass diese Feinheiten in der Formulierung im Moment ein wenig in den Hintergrund gerückt sind.“

»ein Ausnahmezustand oder eine Krisensituation ist etwas, das wir hinter uns bringen wollen und eine ‚neue Normalität‘ etwas, wo wir hin wollen«

Kurz und die "neue Normalität"

Und jene, die sich an Kurz‘ Begrifflichkeit der „neuen Normalität“ stoßen, siedelt Albrecht im Lager der „Late Adopters“ an. Der Begriff aus dem Marketing beschreibt Menschen, die Neuerungen sehr langsam annehmen, erst nach der „Masse“ und den „Early Adopters“, also jenen, die schnell aufspringen und in diesem Fall sagen würden „Wir müssen uns einstellen auf die neue Situation“, sich gut zurechtfinden und auch schnell neue Ideen etwa entwickeln würden. Die „Late Adopters“ jedoch würden die Situation immer noch nicht wahrhaben wollen. Der Terminus der „neuen Normalität“ sei Albrechts Meinung nach aber gut gewählt, er würde die Situation sehr gut beschreiben und auch zur Akzeptanz beitragen, denn „ein Ausnahmezustand oder eine Krisensituation ist etwas, das wir hinter uns bringen wollen und eine ‚neue Normalität‘ etwas, wo wir hin wollen. Krise ist immer ‚weg von…‘ und ‚neue Normalität‘ formuliert einen Zielzustand, eine gewünschte Situation.“

© Goldegg Verlag

Zur Person: Thomas W. Albrecht ist international renommierter Redner und Life-Coach für Rhetorik & Kommunikation. Er entwickelte einen speziellen Blick auf die Kunst der Rede als Ausdruck von Kultur und Wertehaltungen. Für seine Analysen setzt er auf eine gelungene Kombination bewährter Ansätze der Psychologie, aus NLP 4.1, Hypnotherapie und Spiral Dynamics.

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Thomas W. Albrecht: Die Rhetorik des Sebastian Kurz. Was steckt dahinter?*
Goldegg Verlag (18. August 2019), 304 Seiten, ISBN-10: 3990601431, ISBN-13: 978-3990601433.

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In seinem Buch beschreibt Thomas W. Albrecht die Wirkkraft von Sprache, Körperbewegung und Emotion. Er wird gerne gebucht, Menschen und Organisationen bei der Lösung kommunikativer Herausforderungen in Veränderungsprozessen zu begleiten.