Nachruf von

Abschied von einem Freund

Christian Neuhold zum Tod von NEWS-Aufdecker Kurt Kuch

Christian Neuhold mit Kurt Kuch © Bild: Christian Neuhold

Lieber Kurt,

als am Samstag am späten Vormittag mein Handy läutete und am Display „Kurt Kuch“ aufleuchtete, habe ich mich auf eine nette Neujahrsplauderei mit Dir gefreut. Doch war Deine Frau Elke am anderen Ende, die mir sagte, dass Du in der Nacht von Freitag auf Samstag für immer eingeschlafen bist. Drei Worte, die ich im ersten Augenblick nicht verstanden habe, nicht verstehen wollte. Denn diese drei Worte – „für immer eingeschlafen“ – hatten jene Endgültigkeit, vor der ich mich seit dem letzten April gefürchtet habe. Damals hast Du Wolfgang Ainetter und mich über Deine Diagnose informiert: Lungenkrebs, und zwar die besonders aggressive Variante.

Wir waren geschockt, doch Du hast uns Mut zugesprochen. Deine Chancen, hast Du damals gesagt, stehen 50 : 50, entweder Du überlebst, oder Du überlebst nicht. Dein Mut und Dein Kampfeswille haben mich damals wie heute tief beeindruckt. Während Wolfgang und ich noch nach den passenden Worten der Anteilnahme gesucht haben, hast Du längst den Kampf gegen den Krebs begonnen, so wie Du jede Herausforderung in Deinem Leben angegangen bist – offensiv, direkt, ohne langes Herumgerede. Entweder mache ich ihn fertig, hast Du damals gesagt, oder er macht mich fertig. Und ich, so Dein nächster Satz, lass mich von nix und niemand fertig machen. Du hast bis zum letzten Atemzug gekämpft. So viel Willenskraft haben nur ganz wenige Menschen.

Heute, am Sonntag, sitze ich an meinem Schreibtisch in der Redaktion und versuche noch immer zu begreifen, was diese drei Worte „für immer eingeschlafen“ bedeuten. Sie bedeuten, dass Du nie wieder wenige Stunden vor Redaktionsschluss in der größten Hektik mit den Worten „Ich hätt’ da no a wirklich guate G’schicht“ in mein Büro platzen wirst und wir die fast fertige NEWS-Ausgabe komplett auf den Kopf stellen – und zwar wegen einer jener Enthüllungsgeschichten, mit welchen Du regelmäßig die halbe Republik auf den Kopf gestellt hast. Storys, die Dich zum wichtigsten Enthüllungsjournalisten dieses Landes gemacht haben – und zum bekanntesten und wichtigsten Mitglied der NEWS-Redaktion.

NEWS-Cover - Abschied von Kurt Kuch
© NEWS

Du hast noch so viel vorgehabt – mit Deiner Frau und Deiner Tochter, Deiner Familie, Deinen Freunden und im Job. Du warst trotz Deiner schweren Erkrankung so voller Pläne, so voller Kraft, dass ich mich als Gesunder immer wieder gefragt habe, wo Du diese Energie hernimmst.
Du hast Deine Krankheit öffentlich gemacht und die Welt via soziale Medien laufend von Deinem aktuellen Gesundheitszustand informiert. Trotz der kräfteraubenden Chemotherapie hast Du auch noch die Nichtraucherinitiative Don’t Smoke.at gestartet, für die Du bis vor wenigen Tagen noch aktiv Unterstützungserklärungen gesammelt hast. Damit hast Du tausenden Krebspatienten und deren Angehörigen Mut gemacht, sich dieser tückischen Erkrankung zu stellen und gegen den Krebs zu kämpfen.

Und Du hast mir Mut gemacht. Mut, den ich auch brauche, wenn ich heute vor der Türe zu Deinem chaotischen, mit Aktenbergen vollgestopften Büro in der Redaktion stehe und mich eigentlich wie schon hunderte Male davor nur auf den Sessel vor Deinem Schreibtisch zwängen möchte, um über die nächsten Storys zu sprechen - und um Schmäh zu führen, denn auch das konnte man mit Dir so wunderbar. Jetzt bist Du nicht da - und Du wirst auch nie wieder hinter Deinem Computer sitzen.

Kurt, Du fehlst uns allen so sehr. Wir, Deine Kolleginnen und Kollegen aus der NEWS-Redaktion, werden Dich nicht vergessen. Und wir werden alles tun, um die vielen Sümpfe, die Du in diesem Land gefunden hast, trockenzulegen. Versprochen!

Kommentare

27Tiefengrabner

Ich hoffe, dass mehr als seine Erkenntnisse zum Rauchen nachwirken In dem Punkt hatte er auch viel Pech.Es trifft nicht jeden Kettenraucher so brutal. Herr Chefredakteur Neuhold, ich hoffe, NEWS, andere Medienhäuser und private Mäzene gründen eine Stiftung, die im Sinne von KK Investigativjournalismus, zum Beispiel bei Ausbildung unterstützten. Ich seh niemand, der an KK heranreicht.

Zu spät hat er wahrgenommen, dass er zu lange dachte, MIR WIRD NICHTS PASSIEREN. Leider ist auch die Rauchsucht zerstörerisch, wie jede andere auch. Einsicht haben Raucher nicht, leider.

higgs70

Sehr schöne Zeilen.

Am meisten fehlen wird wohl der Mensch Kurt Kuch, der Vater, der Ehemann, der Sohn, der Freund.

Und die Republik verliert den mutigsten Journalisten dieses Landes und auch das ist ein großer Verlust, denn es gibt viel zu viele Zudecker und Ja-Sager in diesem Staat und viel zu wenige Kurt Kuchs, viel zu wenige!

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