Die Kurden und der Syrien-Krieg von

Das verratene Volk

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Jetzt passiert das, was den Kurden schon oft in ihrer Geschichte widerfahren ist: Sie werden verraten.

In Syrien tobt seit sieben Jahren der Krieg. Und doch gab es Orte, die von der Zerstörung verschont blieben. Etwa entlang der Mittelmeerküste, wo Herrscher Assad nie in Bedrängnis geriet. Oder auch ganz im Nordwesten des Landes, an der Grenze zur Türkei. Dort liegt der Kanton Afrin. Ein Gebiet von der Fläche Vorarlbergs, das im Vergleich fast einem Idyll gleichkam. Die Kurden hatten dort für eine Million Bewohner eine Selbstverwaltung errichtet. Frauen waren Teil der Führungsspitze und der Kampfeinheiten. Als es galt, den sich immer weiter ausbreitenden "Islamischen Staat" (IS) niederzuringen, waren es gerade die Kurden, die an vorderster Front gegen die Terroristen kämpften. Die Amerikaner lieferten ihnen Waffen und koordinierten aus dem Hintergrund.

Und jetzt passiert das, was den Kurden schon oft in ihrer Geschichte widerfahren ist: Sie werden verraten. Seit einer Woche lässt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Afrin angreifen. Von Norden mit seinen Truppen und mit Hilfe von Panzern des Nato-Partners Deutschland. Von Süden durch so genannte Rebellen, die in manchen Medien immer noch als "Freie Syrische Armee" bezeichnet werden, wenngleich längst klar sein sollte, dass es sich weitgehend um islamistische Kämpfer handelt. Auf diese zu setzen, hat Erdoğan schon nicht gestört, als er noch davon träumte, Assad zu stürzen, was bekanntlich scheiterte. Nun treibt er die Türkei erneut in die Kriegseuphorie. Wer sich kritisch dazu äußert, riskiert rasch, als Sympathisant der "Terroristen" zu gelten und verhaftet zu werden. Denn Ankara setzt Syriens Kurden mit ihrer heimischen Terrorgruppe PKK gleich.

Und die Verbündeten der Kurden? Die Russen, die ihnen halfen und sie unterstützten? Und die Amerikaner, die sie gar bewaffneten und in Geheimoperationen mit ihnen Seite an Seite kämpften? Schauen weg. Die Kurden glaubten, sie könnten mit Russen wie Amerikanern verbündet sein. Am Ende ließen sie beide im Stich. Während die türkische Offensive langsam vordringt, zahlen Zivilisten wie immer den höchsten Preis. Besonders die 100.000 Menschen, die vor den Kämpfen aus anderen Teilen Syriens in den Kanton geflohen waren. Bilder zeigen ihre notdürftigen Lager in den Bergen, in denen sie sich sicher glaubten. Jetzt sitzen diese Flüchtlinge dort in der Falle. Dass Erdoğans Operation gegen das Völkerrecht verstößt, interessiert in Syrien schon lange keinen mehr, da eine Instanz am Boden fehlt, die dessen Bruch ahndet. Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lügen, Berichten und Propaganda sind ebenso seit geraumer Zeit verschwunden. Und so geht der Krieg, in dem es längst nicht mehr um Syrien geht, nach einer halben Million Toten und dreizehn Millionen Vertriebenen in sein achtes Jahr.

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