Kulturkritik von

Schlingerndes Narrenschiff

Heinz Sichrovsky über die Roman-Adaption „Das Narrenschiff“ am Wiener Volkstheater

Kulturkritik - Schlingerndes Narrenschiff © Bild: APA/WWW.LUPISPUMA.COM / VOLKSTHEATER

Prinzipiell schippert der tschechische Regisseur Dusan David Parizek mit dieser Produktion des Wiener Volkstheaters in erkundenswerten Gewässern: Die Adaption von Katherine Ann Porters Roman „Das Narrenschiff“ konzentriert sich auf den spannenden Plot und die psychologische Feinzeichnung der Figuren. Leider fehlt es im Ensemble vielfach an Könnern, die das auch umzusetzen vermöchten.

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Keine Filmzuspielungen, kein Ausstattungszirkus, pure Schauspielkunst: So hat Parizek es beabsichtigt, und seine Bearbeitung des 1962 erschienenen Romans wäre das Verfahren wert. Ein Schiff steuert da im Spätsommer 1931 von Vera Cruz in Mexiko nach Bremerhaven. Im Zwischendeck vegetieren aufständische Kubaner. Sie werden nach Spanien deportiert, wo bald Franco die Macht übernehmen wird. Ihre Mitverurteilte, eine rauschgiftsüchtige Aristokratin, ist demselben Schicksal zugedacht, reist aber unter Bewachung auf dem Oberdeck. Dort vertreten ein deutscher Herrenmensch und sein zwitscherndes Groupie schon offen die Vernichtungsideologie des Nazi-Reichs. Ein Jude und einer, der für einen Juden gehalten wird, sitzen allein an ihren Tischen. Der todgeweihte deutsche Schiffsarzt beginnt ein verzweifeltes Verhältnis mit der deportierten Gräfin.

Stanley Kramer hat für seine Verfilmung aus dem Jahr 1965 einige der Größten der Filmgeschichte aufgeboten, doch das sollte kein Hindernis für einen couragierten, schauspielerzentrierten Neubeginn sein. Einige (zu) wenige entsprechen auf Parizeks minimalistischem, von den Schauspielergarderoben gesäumten Schiffsdeck auch wirklich diesen Anforderungen. Stefanie Reinsperger erspielt die Drogenhölle der Gräfin auf bestem Niveau, mag sich auch das in der Arbeit mit Parizek entwickelte Verfahren, zwischen Bühnendeutsch und Wiener Idiom zu changieren, allmählich zur Marotte entwickeln (insgesamt geht Parizeks Spiel mit den Herkunftsidiomen der Darsteller nicht mehr wirklich auf). Michael Abendroth muss als Schiffsarzt gegen den Filmvorgänger Oskar Werner antreteh und macht tadellose Figur. Der Kampfteutone Rieber ist bei Rainer Galke ideal aufgehoben. Bettina Ernst kümmert glaubhaft als deutsche Witwe.

Dann aber wird es dünn, und insbesondere rächt sich die an Schauspielschulen und Bühnen geübte Vernachlässigung der professionellen Bedingungen. Seyneb Saleh vor allem ist in einem der wichtigsten, die deutschen Rassengesetze antizipierenden Dialoge akustisch nicht zu verstehen und bleibt damit im jüngeren Ensemble nicht allein. Die dreieinviertel Stunden Aufführungslänge tun ein Übriges: Das Gesamtbild bleibt zwiespältig.

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