Tallinn/Estland von

Kultur saufen

Mit dem Alkoholtanker von Helsinki in den mittelalterlich getarnten Medien-Hotspot.

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    Die einen nützen den Tagesausflug von Helsinki nach Tallinn um Kultur zu tanken. Die anderen vernichten bei dem Schifftrip lieber einen Teil ihres frisch erworbenen Jahresbedarfs an billigem estnischen Fusel aus dem Duty Free Shop.

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    Auf der Route Helsinki-Tallinn haben Sie die Wahl zwischen der Luxusfähre Baltic Princess oder den beiden Fähren des schnellen Tallink Shuttle Service mit kurzen Überfahrtszeiten.

Ganzen Fährenladungen an finnischen Alkoholtouristen und den Nachwehen einer 50 Jahre währenden sowjetischen Annexion begegnet so mancher Este mit ironischem Sarkasmus. Doch das macht das baltische Volk nur umso liebenswerter. Tallinn überrascht: Denn hinter der bezaubernden Mittelalterkulisse ist die City kommunikationstechnisch auf dem neuesten Stand.

"Wenn Sauna, Alkohol und Teer deine Krankheit nicht heilen, dann ist sie tödlich", lautet ein altes, finnisches Sprichwort. An Bord der Fähre von Helsinki ins nur 80 Kilometer entfernte Tallinn finden sich zwar (noch) keine Saunen, doch der stets übervolle Duty Free Shop verfügt über eine große Auswahl an Teerprodukten vom (Natur-)Teershampoo bis zum Saunagieß-Teer. Aber nicht die beliebten Naturprodukte sind für viele Finnen der Hauptgrund für einen Tagesausflug mit der Fähre - sondern der steuerfreie estnische Alkohol. Schon früh am Morgen bedienen sich die Alkoholtouristen großzügig an den Wein- und Bierzapfanlagen am Frühstücksbuffet und trinken sich so einen Spiegel für die ebenfalls reichlich schnapsgetränkte Rückfahrt an.

Tristesse contra Sowjetkunst
Für diejenigen, die die heurige Kulturhauptstadt am Finnischen Meerbusen aus weniger konsumorientierten Gründen erkunden wollen, warten viele kulturelle Highlights. Im brachen Industriegebiet rund um den Hafen zeigt sich vorerst die Tristesse ehemaliger Staaten der Sowjetunion. Im Rotermann-Quarter (siehe Bilder-Slideshow) präsentiert sich Tallinn jedoch in einem ganz anderen Licht: Der Architekturkomplex erinnert an das Wiener Museumsquartier - hier fühlen sich Tallinns Bobos zuhause. Die ehemaligen Fabriken aus dem 19. Jahrhundert, in denen sich heute Ateliers, Restaurants und das Infobüro des Kulturjahres befinden, sind eine kunstvolle, moderne Interpretation des Ostblock-Feelings am Hafen.

Kopfstein-Tour
Von hier ist es nicht weit in die mittelalterliche Altstadt: Toompea - so die estnische Bezeichnung - mit Festung und Wehrtürmen empfängt seine Besucher mit Straßenmusikern, hübschen Mandelverkäuferinnen und Verkaufsständen mit wundervoller Strickhandarbeit (Mitbringsel-Muss!). Auf Kopfsteinpflaster geht es durch kleine Gässchen zum Rathausplatz mit dem schnörkellosen Rathaus und weiter hinauf zum Domplatz .

"Glückliche Heiden"
"Wir sind ein Volk der Bäume", erklärt dort eine estnische Reiseleiterin ihren Schäfchen, "bis ins 13. Jahrhundert waren wir glückliche Heiden, bis uns die Russen entdeckt haben." Starke Emotionen sind zu spüren, als die Einheimische von der Geschichte ihres Landes erzählt. Fünfzig Jahre Unterdrückung durch die Rote Armee haben Spuren hinterlassen: "Am liebsten hätten es die Russen gesehen, wenn wir gar nichts gedacht hätten." (Ein Muss für Geschichte-Interessierte: das Okkupationsmuseum ) Auch später, als die Erkundungstour an der Alexander-Newski-Kathedrale am Domberg vorbeiführt, hält die ältere Dame ihren Sarkasmus nicht zurück: "Es soll Leute geben, die so etwas schön finden."

"Die unreligiösesten Menschen der Welt"
Die Kirche ist ein Sinnbild der Russifizierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zieht aufgrund seiner üppigen Architektur mehr Touristen an als die typisch estnische Domkirche . Im Inneren trifft man weitgehend Reisende an - ein Großteil der Esten ist konfessionslos. Kommentar der Fremdenführerin: "Die Esten gehören zu den unreligiösesten Menschen der Welt. Man kann Sie beinahe als atheistisch bezeichnen."

SMS-Wahlen und staatlich garantiertes Internet
Der einfache, mittelalterliche "Playmobil-Look" der Altstadt täuscht: Fast jedes Cafe und jedes Hotel verfügt über einen Internetanschluss für seine Gäste, meist als Wireless-LAN, und oft kostenlos. Nicht umsonst ist Estland ein Land der cleveren Kommunikationstechnik und "e-solutions": Der Zugang zum Internet wird hier per Gesetz garantiert, zur Parlamentswahl 2011 konnten die Wahlberechtigten in Estland ihre Stimme erstmals auch mit SMS abgeben und am Flughafen steht die weltweit erste Skype-Telefonkabine, mit der angemeldete Kunden via Internet kostenlos und weltweit telefonieren können. Im großartigen Kumu Art Museum wird die estnische Affinität mit digitalen Medien besonders deutlich: Die Ausstellung gateways (noch bis 25. September 2011) macht Kunst und vernetzte Kultur zum Thema.

Zurück auf dem Alkoholtanker
Zurück auf der Fähre sind die einen trunken vor Kultur und neuen Eindrücken und die anderen von billigem Fusel. Um die hohe Alkoholsteuer in Finnland zu umgehen, laden sich die "Schnapstouristen" literweise Spirituosen auf ihre 8,99 Euro Einkaufstrolleys (gibt es direkt im Duty Free Shop zu kaufen) und vernichten die eine oder andere Flasche schon mal gerne direkt auf dem Schiff. Zum Glück ist die Fähre gewaltig groß - so steigt man nur hie und da über eine der vielen Alkoholleichen, bei denen wohl weder Sauna noch Teer noch gegen die ansteigende Übelkeit helfen würden. Diese dürften wohl ein anderes finnisches Sprichwort auf Richtigkeit überprüft haben: "Man ist nicht zu betrunken, solange man auf dem Boden liegen kann, ohne sich festzuhalten."

Hinkommen:
Finnair fliegt ab 200 Euro zwei Mal täglich von Wien nach Helsinki und retour. Passende Anschlussflüge nach Turku und Tallin werden ebenfalls zwei Mal täglich angeboten. Der Zeitunterschied zu Österreich beträgt eine Stunde. Das österreichische Online-Reisebüro travel.at ist auf Städtereisen (u.a. auch Helsinki und Tallinn) spezialisiert.

Wohnen:
Unter www.travel.at stehen 55 Unterkünfte in Tallinn und 54 in Helsinki zur Buchung zur Auswahl, z.B: das nahe am Hauptbahnhof gelegene Hotel Radisson Blu Plaza in Helsinki und das Hotel Nordic Forum in Tallinn.