Kultur von

Wenn Handwerk zum Atout wird

Heinz Sichrovsky über die Spätkarriere des Dieter Giesing

Kultur - Wenn Handwerk zum Atout wird © Bild: NEWS/ Ricardo Hergott

Wenn Sie dieser Ausgabe des Kulturteils noch ein wenig ­folgen wollen, werden Sie eine beeindruckte Rezension meiner Kollegin Susanne Zobl über die Burgtheater-Produktion von Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ vorfinden. Der siebenundsiebzigjährige Dieter Giesing hat inszeniert, und schon anlässlich seiner vorjährigen Arbeit an Schnitzlers „Bernhardi“ waren Schauspieler und Feuilleton fasziniert.

Nun ist Giesing lang im Geschäft, und ich erinnere mich gut, wie man ihn über die Jahrzehnte eingeschätzt hat: als tadellosen, nicht übermäßig inspirierten Handwerker. Ich bin nicht ­sicher, ob sich am Status viel geändert hat. Ge­ändert hat sich das Prestige des Handwerks: Dass sich einer überhaupt bereit und, vor allem, in der Lage findet, einer ­Geschichte zu folgen und die Schauspieler entsprechend einzuweisen, ist schon ein überregional beachtetes Atout. Fast zwei Jahrzehnte lang wurden bis zum Erbrechen Stücke dekonstruiert und Textflächen behämmert, und zusehends reichte die Bastelanleitung. Jetzt setzt mit Macht die Gegenbewegung ein, aber eine Generation kennt die Grundbegriffe nicht mehr. So geht das, wenn sich Kunst dem Terror des Trends unterwirft.