Kultur von

Das Dilemma von Gut und Böse

Heinz Sichrovsky über das Israel-Gedicht des Günter Grass

Kultur - Das Dilemma von Gut und Böse © Bild: NEWS/ Ricardo Hergott

Auf inhaltliche Detailaspekte des skandalisierten Israel-Gedichts von Günter Grass (s. Seite 99) ­lasse ich mich nicht ein. Politische Kommentatoren blasen sich in diesen ­Tagen zu Stilkritikern auf. Diese Art Prä­potenz will ich nicht erwidern, indem ich meinerseits als politischer Kommentator dilettiere. Die Demarkationslinien zwischen Gut und Böse sind heute schwer auszumachen.

Neonazis solidarisieren sich unerbeten mit Israel gegen den Islam, dessen radikale Exponenten ihrerseits anti­jüdische Vernichtungsfantasien in unsere Breiten reimplantieren. Am Ende aber beschränkt sich das Ungeheuerliche an Grass’ Gedicht darauf, die Lieferung deutscher Atom-U-Boote an die aktuelle israelische Regierung zu missbilligen und die Gefahr eines iranischen Erstschlags zu bezweifeln. Beides ist sein Recht, die strategische Verwechslung einer antiisraelischen mit einer antisemitischen Position so illegitim wie immer (und das Gedicht, um auch das zu klären, ein stilistisch gediegenes Stück rhythmisierter Prosa). Einem Regime aber, das einen Dichter mit Einreiseverbot belegt, weil er dagegen ist, es mit Atomwaffen zu beliefern, sollte man solches Gerät vielleicht wirklich besser vorenthalten.