Kultkommissar Brunetti geht wieder um: Donna Leon über den 17. Teil der Krimireihe

'Das Mädchen seiner Träume' als Grenze der Toleranz Die Erfolgsautorin im NEWS-Talk über Papst & Obama

Kultkommissar Brunetti geht wieder um: Donna Leon über den 17. Teil der Krimireihe © Bild: Diogenes Verlag/Regine Mosimann

Die Szene quält den Familienmenschen Brunetti bis in den Schlaf. Die Leiche eines Mädchens treibt im Canal Grande, und Brunetti muss sie bergen. Doch nirgendwo liegt eine Vermisstenanzeige vor. Die Autopsie ergibt Grauenvolles: Die Elfjährige litt an einer Geschlechtskrankheit. Das Mädchen war eine Romni und Mitglied einer Kinderdiebsbande. In Donna Leons siebzehntem Brunetti-Thriller, „Das Mädchen seiner Träume“, stößt der Kultkommissar an die Grenzen des Erträglichen und der Toleranz. Wie kommt es, dass der sonst weltoffene Vianello hier alle Vorurteile und Klischees gegen die Roma bemüht? NEWS bat die amerikanische Krimi-Diva zum Interview.

NEWS: Im Buch geht es unter anderem um Roma und um die Vorurteile der Gesellschaft ihnen gegenüber. Woher kommen diese Vorurteile?

Leon: Ich glaube, die Vorurteile gegen Minderheiten wie Juden oder Zigeuner stammen daher, dass diese Gruppen manchmal außerhalb der Gesellschaft stehen, in der sie leben. Das ist bei den Roma natürlich offensichtlicher als bei den Juden, von denen die meisten perfekt in unsere Umgebung und Kultur integriert sind. Aber viele Roma – und das ist der Fokus des Buchs – entscheiden sich, abseits zu leben, ihre Kinder nicht in die Schule zu schicken und sich nicht an die Gesellschaft anzupassen.

NEWS: Brunetti muss sich auch mit der Kirche und mit Sekten befassen. Gibt es ein mensch­liches Grundbedürfnis nach Glauben? Sind Sie religiös?

Leon: Das Bedürfnis, an eine Art übernatürliche Macht zu glauben, ist ein verständliches und allgemeines Phänomen: Immerhin gibt es das – auf die eine oder andere Weise –, seit es uns Menschen gibt. Darüber hinaus glauben viele Menschen, dass es irgendein höheres Wesen gibt, entweder ein rachsüchtiges, launisches oder liebendes, das am Verhalten der Menschen interessiert ist. Außerdem gibt der Glaube an eine Art Gott und der damit verbundene Glaube an ein Leben nach dem Tod den Menschen großen Trost. Dass ich nicht gläubig bin, ist für diese Tatsachen irrelevant. Ich weiß nicht, ob es notwendig ist oder nicht. Für manche Menschen ist es das, für den Rest von uns nicht.

NEWS: Wie geht es mit Brunetti weiter?

Leon: Nummer achtzehn ist ein intimeres Buch, in dem er sich für eine andere Frau zu interessieren beginnt und dann von ihrem Leben eingeholt wird. Nummer neunzehn befasst sich mit dem Glauben der Italiener an Magie und Zauberer.

NEWS: Was hat sich in Ihrer Exheimat seit Obamas Sieg verändert? Haben die Amerikaner aus den Bush-Jahren gelernt?

Leon: Amerikaner werden sehr leicht von ihren Emotionen und ihrer Gutgläubigkeit gelenkt und haben Schwierig­keiten, zwischen Worten und Taten zu unterscheiden. Daher glauben sie, die Tatsache, dass Mr. Obama gewählt wurde, genügt bereits, dass alles in Ordnung kommen wird, und sie vergessen oder ignorieren den ganzen Schlamassel, der ihm hinterlassen wurde. Ich war letztes Jahr ein paar Mal dort und fand die Leute froh über die Wahl, aber verzweifelt über das finanzielle Desaster. Meine Vermutung bleibt, dass es fast ­unmöglich ist, sie dazu zu bringen, weniger Auto zu fahren oder die Heizung in ihren Häusern abzudrehen. Auch wenn sie noch so gerne über diese Dinge reden.

Dagmar Kaindl

Was Donna Leon darüber hinaus über den Papst zu sagen hat und wie sie die Arbeit von US-Präsident Obama einschätzt, lesen Sie im aktuellen NEWS 19/09!