Künstliche Befruchtung von

"Keiner hat das Recht auf ein Kind“

Ein Interview mit Autorin Eva Maria Bachinger

Eva Bauchiger © Bild: Eva Bauchiger

Künstliche Befruchtung ist Routine. Doch muss alles gemacht werden, was machbar ist? Eva Maria Bachinger plädiert in ihrem Buch "Kind auf Bestellung“ für klare Grenzen.

Welche Bedeutung hat das Thema Kinderkriegen in der heutigen Gesellschaft?
Kinderlose Frauen müssen sich rechtfertigen - sowohl, wenn die Kinderlosigkeit gewollt, als auch, wenn sie ungewollt ist. Sie stehen unter Druck. Kinderlosigkeit gilt nach wie vor als Abweichung von der Norm. Und alles, was von der Norm abweicht, erfährt Miss- billigung.

Welche Rolle spielt das Thema Reproduktionsmedizin?
In einer Konsumgesellschaft, in der alles planbar scheint, muss auch alles machbar sein. Wir sind eine Nehmergesellschaft: Wir holen uns, was wir wollen. Heute geht es um einen Wunderkinderwunsch und Kinderhabenwunsch. Das Wunschkind wird verantwortungsvoll geplant. Da spielt selbst das Alter keine Rolle. Die Fortpflanzung wird mithilfe der Technik perfekt rationalisiert. Wer will und genug Geld hat, der kann auch, unbegrenzt. Es fällt immer schwerer, reale Grenzen zu akzeptieren.

Wo liegen die Grenzen?
Ich möchte das Leid der Frauen, die keine Kinder bekommen können, nicht schmälern. Es nagt bei vielen am Selbstwertgefühl. Natürlich ist die moderne Reproduktionsmedizin eine große Hilfe. Doch viele Ärzte kennen keine ethischen Grenzen mehr. Sobald ein Gesetz liberalisiert wird, drängen Mediziner auf weitere Öffnungen. Es geht aber nicht um Freiheitsrechte und Hilfe für Betroffene. Es ist auch ein florierendes Geschäft. Der Markt verabschiedet sich von der medizinischen Indikation. Ursprünglich war die Fort-pflanzungsmedizin für Paare vorgesehen, die aufgrund von Unfruchtbarkeit keine Kinder bekommen konnten. Nun sind schlichtweg Lebensumstände ausschlaggebend. Es geht oft nicht mehr um Medizin, sondern um gesellschaftliche Trends. Ethik und Moral werden dabei aus dem Weg geräumt. Vielfach ist zu hören, es gebe ein Recht auf ein Kind. Doch die Rechte der Kinder werden angezweifelt oder ignoriert. Der Kinderwunsch steht zu stark im Vordergrund. Bei aller Empathie: Es gibt kein Recht auf ein Kind, auch nicht auf ein gesundes Kind. Kinder haben hingegen ein Recht auf Kenntnis ihrer Herkunft. Sie haben ein Recht, nicht gegen Geld gehandelt zu werden. Nicht alles ist möglich, nicht jeder Wunsch erfüllbar.

Was sagen Sie zur Novelle des neuen Fortpflanzungsmedizin-gesetzes? Ein Fortschritt?
Es geht nicht in erster Linie darum, ob Methoden rigoros verboten oder freizügig erlaubt werden. Lässt man die Eizellspende zu, bedeutet es auch, das Geschäft damit zuzulassen. Es wurde ein Kommerzialisierungsverbot beschlossen. Doch das ist nur mit einem internationalen Verbot ansatzweise vermeidbar. Angesichts des globalisierten Marktes ist das Gerede vom hehren Altruismus schlichtweg Unsinn. Das Geld ist und bleibt zentrales Motiv, dass Frauen Eizellen spenden.

Ist das gerechtfertigt?
Absolut. Aufgrund der medizinischen Gefahren und Risiken der Prozedur ist es wichtig, Frauen nicht nur mit einem dankenden Händedruck zu verabschieden. Die Eizellspende wird schlichtweg bagatellisiert. Auch wenn Ärzte und Politiker glauben, alles zu wissen: Im Grunde weiß niemand genug über die Motive der Spenderinnen und die Langzeitschäden.

Die Samenspende für Frauen ist nach wie vor verboten. Was meinen Sie dazu?
Der Gang zur Samenbank, der auf den ersten Blick so frei und selbstbestimmt wirkt, wird als neue Facette der Emanzipation gefeiert. Vielleicht ist es das, es hat aber auch etwas Selbstherrliches. Es bedeutet auch, für das Kind zu entscheiden, dass es keinen Vater hat. Wozu auch? Hauptsache, ein Kind. Eine Bemutterung reicht offenbar aus, die Vaterlosigkeit wiegt nicht so schwer.

Sollte das Einfrieren von Eizellen für alle Frauen erlaubt sein?
Zu verkünden, Social Egg Freezing sei besonders feministisch, ist meiner Meinung nach falsch. Es passt nur herrlich in eine turbokapitalistische Welt, verfügbar und einsatzbereit zu sein. Hält man sich noch ein wenig an Lebensphasen, sollte man dafür plädieren, möglichst früh Kinder zu bekommen und die Bedingungen dafür zu schaffen, anstatt Frauen an Hightech-Medizin zu verweisen. Social Egg Freezing ist Optimierungsdenken. Wenn der optimale Zeitpunkt da ist, werden die Eizellen aufgetaut - dann wird die optimale Eizelle ausgesucht und der optimale Embryo eingesetzt. Dann ist keine Zeit mehr für Fehlversuche.

Wie lautet Ihr Resümee zur Fortpflanzungsmedizin?
Eine ablehnende Haltung ist derzeit nicht opportun. Es ist ein Drahtseilakt, sich nicht von Lobbygruppen leiten zu lassen und Fragen auf den Grund zu gehen.

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