EM 2016 von

"Kroatischer Mozart" Modric lässt Landleute jubeln

Kroatiens aktueller Nationalheld © Bild: APA (AFP)

Kroatiens Star-Ensemble ist mit einem wichtigen Sieg in die Fußball-EM gestartet. Der hätte am Sonntag beim 1:0 gegen die Türkei aber sogar noch höher ausfallen müssen. Entscheidender Mann war der von seinem Trainer kurzerhand zum "Magier" erklärte Luka Modric von Real Madrid. Nach seinem spektakulären Volleytreffer in der 41. Minute fiel der Torjubel mindestens ebenso außergewöhnlich aus.

Die kroatischen Spieler rannten danach Richtung Eckfahne, fielen sich in die Arme, als auf einmal ein Fan von der Tribüne gesprungen kam und einfach mitfeierte. Er gab dem Torschützen sogar einen Kuss auf die Wange, aber der Champions-League-Sieger von Real Madrid bekam das alles gar nicht so richtig mit. "Das haben mir später erst meine Mitspieler erzählt. Aber das war keine gefährliche Situation", sagte Modric.

Seinen Treffer analysierte der 30-Jährige nur insofern, als er erklärte, den Ball perfekt getroffen zu haben. "Ich bin sehr glücklich über mein Tor, aber noch glücklicher über unseren Auftritt. Wir haben gespielt wie ein großes Team, und ich denke, wir sind ein großes Team. Wir dürfen jetzt nur nicht in zu große Euphorie verfallen", gab Modric die Devise aus.

Der erste, der das tat, war allerdings ausgerechnet der eigene Trainer. "Das war eines seiner besten Spiele in der Geschichte des kroatischen Fußballs. Er war wirklich unser Leader und schoss auch noch dieses magische Tor", sagte Ante Cacic über Modric. "Das war ein toller Auftritt von uns, das ganze Team spielt auf einem Top-Level. Wir müssen jetzt gegen Tschechien und Spanien genauso weitermachen", beteuerte Ivan Rakitic.

Sogar der selbstbewusste türkische Trainer Fatih Terim meinte hinterher: "Sie waren besser als wir. Sie hatten viel mehr Chancen als wir und können in diesem Turnier weit kommen." Bloß die schlechte Chancenverwertung der Kroaten in der zweiten Hälfte war eines möglichen Titelanwärters nicht würdig.

Modric ist unumstritten der Dreh- und Angelpunkt der Truppe. Gegen die Türkei spielte er 59 Pässe, von denen 52 auch ankamen. Wenn der Filigran-Techniker trifft, hat Kroatien in mittlerweile elf Spielen noch nie verloren. Doch der "König des Schachbretts", wie die spanische Zeitung "Marca" in der Vorwoche getitelt hatte, ist nicht nur in seinem Heimatland, sondern auch beim spanischen Rekordmeister Real Madrid seit Jahren unangefochten.

"Er entscheidet, wie wir spielen", hatte einst Carlo Ancelotti, Reals Trainer beim Gewinn der Champions League 2014, gesagt. "Modric ist einzigartig. Er erahnt schneller als jeder andere, was auf dem Feld passiert", lobte ihn sein großes Vorbild Zvonimir Boban einmal. Und Ex-Nationaltrainer Miroslav Blazevic soll geschwärmt haben: "Österreich hat Mozart, wir haben Modric."

Einen solchen Werdegang hatten ihm nicht viele zugetraut. Aufgewachsen in der Küstenstadt Zadar war Modrics Familie nach Ausbruch des Bürgerkrieges, als Luka sechs Jahre alt war, vorübergehend zur Flucht gezwungen. Sein Großvater war im Krieg ums Leben gekommen. Als Jugendlicher war er in einem Probetraining bei Hajduk Split wegen seines schmächtigen Körperbaus ausgesiebt worden.

1,72 Meter Körperlänge, bloß 64 Kilogramm Gewicht, dazu eingefallene Wangen und ein manchmal sehr trauriger Blick. Auch heute kann sich kaum jemand vorstellen, der ihn das erste Mal sieht, dass Modric einen Cristiano Ronaldo mit Zauberpässen versorgt oder den Ball auf der großen EM-Bühne aus 25 Metern volley ins gegnerische Tor drischt.

"Ich will mit Kroatien endlich einmal ein großes Turnier gewinnen oder zumindest ganz weit kommen", sagte Modric bereits vor dem ersten Spiel. Und über solche Aussagen lacht bei der EURO niemand.

Terims Team enttäuschte dagegen. Eine Riesenchance in der 29. Minute durch Ozan Tufan - mehr war von den Türken in der Offensive nicht zu sehen. Von Leverkusen-Profi Hakan Calhanoglu, Barcelona-Star Arda Turan und Cenk Tosun von Besiktas Istanbul kam zu wenig. "Ich möchte mich beim türkischen Volk entschuldigen", gab sich Turan kleinlaut. "Wir sind noch nie gut in ein großes Turnier gestartet, und wir haben immer noch zwei Spiele", betonte indes Terim. "Es ist für uns noch nichts vorbei."