Kritik von

Flucht vor dem Leben

Thomas Jonigk inszeniert Stefan Zweigs „Ungeduld des Herzens“ in St. Pölten

Ungeduld des Herzens © Bild: Landestheater Niederösterreich

Die Dramatisierung von Romanen ist in den letzten Jahren ein bis zum Überdruss praktizierter Trend am Theater geworden. Der deutsche Schriftsteller und Regisseur Thomas Jonigk zeigt am Landestheater Niederösterreich, warum es manchmal doch sinnvoll sein kann, große Prosa auf die Bühne zu bringen. Mit scharfer Personenanalyse und einem formidablen Ensemble keltert er die Essenz aus Stefan Zweigs Roman.

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Ein überdimensionales Schwarzweißfoto eines mit der Peitsche zum Galopp getriebenen Pferdes im Hintergrund der von Lisa Däßler karg ausgestatteten Bühne reicht Thomas Jonigk, um in eine Welt von getriebenen Seelen zu führen. Und das sind die Figuren in Stefan Zweigs Roman „Ungeduld des Herzens“. Der junge Leutnant Hofmiller (Moritz Vierboom) besucht aus Langeweile den Industriellen Kekesfalva. Er flirtet oberflächlich mit dessen Nichte und merkt zunächst nicht, dass dessen Tochter Edith (Swintha Gersthofer) gelähmt ist. Als sie zum Tanz auffordern will, beginnt das Schreckliche und er erwacht zum Leben. Das Leid der anderen gibt ihm Kraft und sein Mitleid Macht über die anderen.

Psychologisches Kammerspiel

Zweigs 1939 erschienener Roman „Ungeduld des Herzens“ wird oft als Analyse dessen gesehen, was so viele Menschen in den Jubel über den Ersten Weltkrieg getrieben hat. Hofmiller flüchtet an die Front. Er fühlt sich verantwortlich für Ediths Freitod, der er aus Mitleid die Ehe versprochen hat. Er will im Kampf sterben, überlebt aber hochdekoriert.

Reduziert man das Werk jedoch darauf, tut man ihm Unrecht. Und das beweist Jonigk. Er zeigt ein psychologisches Kammerspiel über menschliche Beziehungen und über Individuen, die sich und einander mit Worten quälen. Das Miteinander wird zur Folter, das Ohneinander jedoch nicht weniger. Gezeigt werden Menschen, die ständig auf der Flucht vor dem eigenen Leben sind. Und damit hat Jonigk den Seelenanalytiker Zweig erfasst, der 1942 in Brasilien in den Freitod ging.

Moritz Vierboom wirkt durch sein deutsches Idiom zunächst befremdlich als orientierungsloser, junger Leutnant der k.u.k. Armee. Durch Jonigks überregionale, allgemeine Deutung verliert das jedoch bald an Bedeutung. Was bleibt, ist ein junger Mann mit der Ausstrahlung eines Zinnsoldaten, der brüsk ins Leben geholt wird. Swintha Gersthofer gibt die gelähmte Industriellentochter ohne Krücken und Rollstuhl und zeigt ein kraftvolles, ansehnliches Seelenmonster.

Eine Säule der zwei Stunden kurzweiligen Aufführung ist Babett Arens als Hausangestellte Engelmayer und Erzählerin. Mit trockenem Humor führt sie in die Vor- und Nachgeschichte des Geschehens.

Michael Scherff (Lajos Kekesfalva) ist ein glaubwürdiger, verzweifelter Vater. Tobias Voigt (Doktor Condor) und Magdalena Helmig (Ilona) ergänzen vorzüglich.

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