Kritik von

Showdown auf der Engelsburg

Puccinis "Tosca" bei den Salzburger Osterfestspielen

Kritik - Showdown auf der Engelsburg © Bild: OFS/Forster
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Bereits im Vorfeld hatte Regisseur Michael Sturminger wissen lassen, „Tosca“ sei ein echter Krimi. Prompt fallen noch vor den ersten Takten Schüsse. Der ehemalige römische Konsul Angelotti, ein Gefangener der diktatorischen Regierung, hat sich in einer Tiefgarage (Warum ausgerechnet in einer Tiefgarage?) freigeschossen. Sturminger hat Puccinis Drama bei den Salzburger Osterfestspielen in die Gegenwart verlegt. Nur die Originalschauplätze, die Renate Martin und Martin Donhauser in ihrer Opulenz nachgebaut haben, sind bis auf wenige Adjustierungen unverändert. Der Maler Cavaradossi fertigt in der Kirche Sant’Andrea della Valle kein Gemälde, sondern pinselt an einer Riesenstatue herum. Polizeichef Scarpia residiert, wie im Original im Palazzo Farnese, wo er Regierungsgegner foltern lässt und sich Damen gefügig macht. Nun ist die Diva Floria Tosca dran. Ihren Geliebten Cavaradossi hat er bereits. Denn er hat den entflohenen politischen Gefangenen Angelotti in seinem Haus versteckt. Tosca will sich Scarpia durch die Schmerzensschreie ihres gefolterten Geliebten unterwerfen. So steht es auch bei Puccini. Weshalb sich der elegante Herr für den Damenbesuch auf dem Hometrainer erhitzt, ist nicht nachvollziehbar.

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Sonst läuft (noch) alles nach Puccinis Regieanweisungen. Tosca sticht, wie im Buch, auf den zudringlichen Polizeichef mit einem Dolch ein. Ab nun aber erzählt Sturminger seine Version. Scarpia rappelt sich auf, bevor der Vorhang des zweiten Akts fällt. Schnitt. Dritter Akt: Buben werden von kargen Betten in einem Schlafsaal geholt. Das Regime im Vatikan bildet Kinder zu Mördern aus, denn diese formieren das Erschießungskommando für Cavaradossi, der hinter der Leuchtreklame „Il Divo“ ( „Der Göttliche“), eine Anspielung auf Paolo Sorrentinos cineastisches Bio-Pic des ehemaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, seiner Hinrichtung harrt. An Puccinis Vorlage vom letzten Zusammentreffen von Tosca und Cavaradossi ist nichts geändert. Er fällt, dann sollte Toscas legendärer Sprung von der Engelsburg folgen. Nicht aber bei Sturminger. Er lässt es zum Action-Film reifen Showdown kommen. Scarpia tritt im blutigen Hemd auf und schießt auf Tosca. Diese hat jedoch längst ihren Revolver auf den Angreifer gerichtet und legt ihn um. Am Ende sind alle tot. Ganz ehrlich, spannender wurde „Tosca“ durch diese Regie-Spielereien nicht, aber sie stören auch nicht besonders.

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Das beste Argument für diese „Tosca“ liefert Anja Harteros in der Titelrolle. Sie ist die Tosca unserer Tage. Sie hat ebenso die Kraft für glaubwürdige Eruptionen einer eifersüchtigen Diva wie für langanhaltende lyrische Passagen. Selten bewegt ein „Vissi d’Arte“ so wie das ihre, das sie auf Scarpias Schreibtisch liegend mühelos anhob. Aleksandrs Antonenko ist ein bewährter Cavaradossi. Möglicherweise haben zu viele „Otellos“ in den letzten Jahren die Strahlkraft seines lyrischen Tenors getrübt. Das gleicht er durch sein Können aus. Ludovic Tezier führt seinen Bariton nobel, allzu nobel durch die Rolle des Scarpia. Bar jeglicher Dämonie verblasst gar sein „Va Tosca“ vor dem „Te deum“, das auf der Bühne wie in einer Art von Zeitlupe vorüberzieht. Mit weißer Perücke und einem Hang zum bequemen Despoten gleicht er eher einem Beamten, der auf seinen Privilegien beharrt, als einem authentischen Wüstling. Aus der restlichen Besetzung überzeugt Andrea Mastroni als Angelotti.

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Christian Thielemann setzt am Pult der Staatskapelle Dresden auf das pure, düstere Drama. Fein ziseliert er jeden Moment und generiert das Kammermusikalische dieses Werks. Und das funktioniert ohne Einschränkung.

Im nächsten Jahr setzt Thielemann mit Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ fort. Jens Daniel Herzog, der 2012 Mozarts „Zauberflötete“ bei den Salzburger Festspielen verantwortete, führt Regie. Die Besetzung, Georg Zeppenfeld (Hans Sachs), Klaus Florian Vogt (Stolzing) und Genia Kühmeier (Eva), verspricht keinesfalls wenig.